{"id":116,"date":"2025-11-27T14:11:56","date_gmt":"2025-11-27T14:11:56","guid":{"rendered":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=116"},"modified":"2025-12-02T18:54:08","modified_gmt":"2025-12-02T18:54:08","slug":"bouletten-sind-kleine-frittierte-hackfleischkloesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=116","title":{"rendered":"Bouletten sind kleine Hackfleischkl\u00f6\u00dfe"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem Jahr 2019<\/p>\n\n\n\n<p>Bouletten sind kleine Hackfleischkl\u00f6\u00dfe. So werden sie im Nordosten genannt, also auch in Berlin. Bullen sind nicht nur Tiere, die \u201eMuh\u201c machen und ohne Grund losrennen, meist werden Polizisten damit gemeint und eigentlich werden sie \u00f6fter Bullen als Polizisten bezeichnet. Wer die Menschen, die vom Staat bezahlt werden, um f\u00fcr Ordnung zu sorgen, Eigentum oder die Verfassung zu sch\u00fctzen, als Polizisten bezeichnet, muss es wirklich wollen. Tats\u00e4chlich kommt es nicht selten vor, dass in Zusammenh\u00e4ngen, in denen man wei\u00df, dass das Wort \u201eBulle\u201c vielleicht nicht gesagt werden sollte, man kurz \u00fcberlegt: \u201eWie sagt man schon?\u201c, \u201ePolizist?\u201c, \u201eWird es nicht komisch klingen?\u201c.<br>Und dann hei\u00dft auf Franz\u00f6sisch Boulette zwar der Fleischklo\u00df aber auch ein Fauxpas, sprich ein Patzer.<br>Damit ist schon fast alles \u00fcber das Thema gesagt. Fast alles, denn es ist kaum m\u00f6glich \u00fcber Bullenpatzer zu erz\u00e4hlen, ohne die Gefahr, die von ihnen ausgeht, zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bald wird es in Berlin die Meuterei nicht mehr geben. Die Meuterei ist der Name einer kollektiv betriebenen Kneipe in Kreuzberg. Sie sieht ein bisschen schmuddelig aus, verraucht, die W\u00e4nde voll mit Graffiti und Plakaten und hat nie einen Innendesigner gesehen. Die Biere werden auf die Theke gestellt und darauf beschr\u00e4nkt sich das Gesch\u00e4ftsmodell.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hat ein Investor das Haus gekauft und wandelt alle Wohnungen samt der Kneipe in Eigentumswohnungen bzw. Eigentumsgesch\u00e4ftsr\u00e4ume um. Wer das Geld nicht hat, fliegt raus. Da in Deutschland Gesetze, die nicht f\u00fcr uns und schon gar nicht von uns gemacht wurden, den Eindruck vermitteln, dass es rechtens zugeht, muss die Meuterei nicht sofort das Feld r\u00e4umen, sondern erst nach einem Gerichtsprozess. An dem Tag, wo das Kneipenkollektiv sp\u00e4testens entweder einen Kaufvertrag von beinah einer Million Euro h\u00e4tte unterzeichnen sollen oder den Schl\u00fcssel abgeben m\u00fcssen, wurde eine Kundgebung vor der Kneipe organisiert. Sozusagen der Auftakt zum Prozess. Dort war ich mit ein paar Freund*innen verabredet.<br>Als ich mit Tim in die N\u00e4he der Meuterei ankomme, Freude! Die Stra\u00dfe war gesperrt. Ach, Stra\u00dfen ohne Autos! Menschen sa\u00dfen in der Sonne auf der Fahrbahn, genossen ihr Bier und h\u00f6rten live Musik zu. Eine himmlische Situation f\u00fcr einen sch\u00f6nen Nachmittag. Gut, eine Bullenwanne war zwar anwesend und auch ein paar von diesen herrlichen Menschen mit den Themenjacken \u201eDeeskalationsteam\u201c. &nbsp;Zwei Stunden standen wir auf der Stra\u00dfe mit unseren Freund*innen, Frank der ruhige, Am\u00e9lie die aufgeregte Anarcho-Punkin, Slawitsa, die Busenkrebs hatte und keinen Busen mehr hat, und noch ein paar Bekannt*innen. F\u00fcr Biernachschub wurde immer gesorgt, entweder aus der Kneipe oder aus dem nahen gelegenen Discounter.<br>Irgendwann hielt ein Kollektivmitglied eine Rede. Haben wir nicht zugeh\u00f6rt, kannten schon die Situation und hatten uns Vieles zu erz\u00e4hlen.<br>Sp\u00e4ter musste leider die Anlage abgebaut werden, da die Kundgebung nur f\u00fcr begrenzte Zeit angemeldet war. Gl\u00fccklich dar\u00fcber endlich Bullen sein zu k\u00f6nnen, kamen die Bullen auf uns zu, um uns von der Stra\u00dfe zu vertreiben. Widerwillen folgten<br>wir den Anweisungen, aber alle folgten ihnen. Auf dem B\u00fcrgersteig gegen\u00fcber der Kneipe zerschnitten detailverliebte Bullen das Transparent, das zwischen zwei B\u00e4umen hing. Buhrufe aus Tradition, eine Gruppe junger Frauen singt ein Lied, vermutlich gegen Bullerei an sich und&nbsp;Am\u00e9lie f\u00e4llt ein, dass der eine Bulle, der uns provozierend anstarrt, ihr nicht gef\u00e4llt. Sie ruft immer wieder zu ihm r\u00fcber, dass er ein h\u00e4sslicher Macho und ein doofer Bulle sei und \u00e4hnliche Tautologien, dass er nicht richtig h\u00f6ren kann, weil die Autos wieder fahren. Der h\u00e4ssliche doofe Bullenmacho ist nerv\u00f6s, greift zu einer Kamera und Am\u00e9lie f\u00fcllt sich pers\u00f6nlich provoziert. Sie filmt nun auch mit ihrem Smartphone und macht weiterhin lustige Gesten wie sich an den Eiern kraulen. W\u00fctend kommt der Bulle zu uns r\u00fcber. Nein nicht zu uns, zu Tim.<br>Er redet ganz leise: \u201eSie sehen vern\u00fcnftig aus, so sind sie, oder? Sie haben bestimmt Einfluss, k\u00f6nnen sie ihr sagen, dass sie aufh\u00f6ren soll? \u201eTim sichtlich irritiert: \u201eNee, ich habe keinen Einfluss. \u00dcberhaupt keinen\u201c.<br>Traurig geht der Bulle zu seinem B\u00fcrgersteig zur\u00fcck und irgendwann geht die gesamte Bullenherde weg. Wir sind einfach verdattert. So einfach ist es?<br>Bullengeschichten sind nicht immer so lustig, so absurd oft.<br>F\u00eate de la musique: wir fahren nach Friedrichshain, weit weg von den belebten Kiezen, noch weiter weg als die familienfreundlichen Stra\u00dfen. Neben einem Gewerbegebiet ist ein gro\u00dfer Park, eine riesige Wiese eher. Vorne die Stra\u00dfe, hinten in der Ferne die Platte. Als einziges Schmuckst\u00fcck das Stahlgerippe einer ehemaligen Markthalle. Wir sind hier, weil Konzerte stattfinden, bzw. Musik aus der Dose gespielt wird.<br>Es ist eine selbsternannte alternative F\u00eate de la musique: \u201eMusik braucht Freir\u00e4ume\u201c ist das Motto. Freiraum gibt es hier jede Menge oder eher viel Platz, nicht nur weil man nie frei ist, sondern weil f\u00fcr die 50 Menschen, die gelassen auf der Wiese verweilen, ein paar Bullenwannen da sind. Und es kommen noch mehr. Bald sind es sechs St\u00fcck!<br>Die Bullen selbst sind in voller Montur, gepanzert, und beobachten ganz<br>genau was auf der Wiese passiert: Musik l\u00e4uft, kleine Gruppen sitzen, trinken<br>und essen, Kinder spielen, ein paar Hunde schlafen oder laufen rum, ein oder zwei \u00e4ltere M\u00e4nner tanzen. Immer wieder m\u00fcssen wir die Ordnungsh\u00fcter anschauen, die den Eindruck vermitteln, dass wir nicht ganz das Recht h\u00e4tten, die letzten Sonnenstrahlen des Tages an diesem Ort zu genie\u00dfen. Bald wollen sie auch zeigen, dass nicht alle einfach so Spa\u00df haben k\u00f6nnen. Sie n\u00e4hern sich dem Musikzelt, sprechen mit ernsthafter Miene mit dem \u201eVeranstalter\u201c. Dieser ist dann verpflichtet,<br>eine Ansage zu machen:<br>\u201eDie Hunde m\u00fcssen an der Leine gef\u00fchrt werden. Hunde d\u00fcrfen nicht frei<br>laufen, wenn Hunde ohne Leine laufen, muss die Veranstaltung beendet werden\u201c.<br>Die Bullen gehen zu ihren Wannen zur\u00fcck und beobachten ganz genau die Abwesenheit von Leinen.<br>Gl\u00fccklicherweise sind die letzten Sonnenstrahlen weg und wir fahren in die Innenstadt zur\u00fcck, wo Konzerte ohne Aufsicht stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Bullengeschichten sind absurd, aber sind oft bei weitem gewaltt\u00e4tiger.<br>Hamburg G20. Hundertschaften, Filmw\u00e4gen und Wasserwerfer \u00fcberall. Bevor<br>die \u201eWelcome to Hell\u201c Demonstration los gehen kann, werden die Demonstrant*innen eingekesselt, Wasserkanonen in Einsatz gebracht, Kn\u00fcppel und Tr\u00e4nengas eingesetzt. Demonstrant*innen m\u00fcssen von einer Flutmauer springen, um nicht erdr\u00fcckt zu werden. Zahlreiche Verletzte. Die n\u00e4chsten Tage entfacht sich die Gewalt, Demonstrant*innen und auch Journalist*innen werden als solche beschimpft und zusammengeschlagen. Gutb\u00fcrgerliche Menschen sowie weniger geachtete Gesellschaftsmitglieder enden im Krankenhaus. Etc. etc.<br>NSU Morde. 10 Menschen wurden von Neo-Nazis ermordet. Eine von ihnen war<br>Polizistin. Trotz zahlreicher Hinweise und der Bitte der Hinterbliebenen, nach einem rechtsterr oristischen Netzwerk zu suchen, hat dies die Bullerei bis zur \u201eSelbstanzeige\u201c des NSU (sie hatten eine Bombe in ihrem Versteck hochgehen lassen) ausgeschlossen.<br>Dies sind keine Bouletten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bouletten sind kleine frittierte Hackfleischkl\u00f6\u00dfe. So werden sie im Nordosten genannt, also auch in Berlin. Bullen sind nicht nur Tiere, die \u201eMuh\u201c machen und ohne Grund losrennen, meist werden Polizisten damit gemeint und eigentlich werden sie \u00f6fter Bullen als Polizisten bezeichnet. Wer die Menschen, die vom Staat bezahlt werden, um f\u00fcr Ordnung zu sorgen, Eigentum oder die Verfassung zu sch\u00fctzen, als Polizisten bezeichnet, muss es wirklich wollen. Tats\u00e4chlich kommt es nicht selten vor, dass in Zusammenh\u00e4ngen, in denen man wei\u00df, dass das Wort \u201eBulle\u201c vielleicht nicht gesagt werden sollte, man kurz \u00fcberlegt: \u201eWie sagt man schon?\u201c, \u201ePolizist?\u201c, \u201eWird es nicht komisch klingen?\u201c.<br \/>\nUnd dann hei\u00dft auf Franz\u00f6sisch Boulette zwar der Fleischklo\u00df aber auch ein Fauxpas, sprich ein Patzer.<br \/>\nDamit ist schon fast alles \u00fcber das Thema gesagt. Fast alles, denn es ist kaum m\u00f6glich \u00fcber Bullenpatzer zu erz\u00e4hlen, ohne die Gefahr, die von ihnen ausgeht, zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n","protected":false},"author":21328,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[25,24],"class_list":["post-116","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aus-2019","tag-bullen","tag-polizei"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/21328"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=116"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":165,"href":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions\/165"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}