{"id":131,"date":"2025-11-27T16:42:43","date_gmt":"2025-11-27T16:42:43","guid":{"rendered":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=131"},"modified":"2025-12-02T18:52:28","modified_gmt":"2025-12-02T18:52:28","slug":"entkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=131","title":{"rendered":"Entkommen"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem Jahr 2019<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern fahre ich zur\u00fcck nach Hause, oder eher zu meinem Freund, denn ich habe zurzeit kein Zuhause. Ich fahre kurz und ganz langsam auf dem B\u00fcrgersteig denn ich bin \u00e4ngstlich und ich m\u00f6chte nicht von den Autos \u00fcberfahren werden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;B\u00dcRGERSTEIG!&#8220; schreit mir ein Fu\u00dfg\u00e4nger erregt. Somit meint er, mache ich was streng verboten, m\u00f6chte Fu\u00dfg\u00e4nger t\u00f6ten, aber vor allem benehme mich bestimmt auf verfassungswidrige Weise.<\/p>\n\n\n\n<p>Abends bei Nachteinbruch laufe ich mit meinem Freund auf der leeren Stra\u00dfe. Hinter uns klingelt ein Fahrrad. Es klingelt Sturm.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;STRAAAA\u00dfE!&#8220; schreit eine richtig ver\u00e4rgerte Kehle ohne Spur von Ironie.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute meint mein Freund, er h\u00e4tte es satt, dass ich ihm Vorw\u00fcrfe mache, obwohl er alles richtig machen w\u00fcrde. Ich entgegne ihm, dass ich es satt h\u00e4tte alles richtig zu machen, obwohl er mir Vorw\u00fcrfe machen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich die Rechthaber satt habe, gehe ich zum Omid.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Omid hei\u00dft Hoffnung auf Persisch. Es ist eine kleine Kneipe im Wedding, die vor einem halben Jahr er\u00f6ffnet hat. Dort hat mir noch niemand gesagt, ob ich richtig oder falsch bin, liege oder habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Stets ist hier ein freier Platz, guter Kaffee, ruhiges Musikgeklimper und Menschen die sich \u00fcber Zusammenleben unterhalten. Orientalische rot-graue Teppiche an den W\u00e4nden, dunkle veraltete Holzsofas. Politische Plakate und Flyer runden das Ganze ab und vermitteln mir das Gef\u00fchl, dass ich am richtigen Ort bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der Caf\u00e9betreibern spielt auf einem Saiteninstrument, er h\u00f6rt auf, um mir einen Caf\u00e9 zu machen und spielt weiter. Der andere l\u00e4chelt, w\u00e4hrend er mir den Kaffee reicht, sp\u00e4ter l\u00e4sst er mich von seiner letzten Kuchenkreation \u2013 Erdnuss-Schokolade &#8211; kosten.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen wird geraucht, ein Mann sitzt in der K\u00e4lte und liest einer Freundin aus einem Buch vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann stundenlang dort sitzen, schreiben, und gleichzeitig den Konversationen lauschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Omid hat eine &#8222;Kiezk\u00fcche&#8220;: f\u00fcr drei Euro reichlich und lecker essen. Ein junger Mann bedient sich und redet mit den Wirten \u00fcber Caf\u00e9-betreibende linke Kollektive. Welche Kaffeesorte ausw\u00e4hlen? Und \u00fcber Vereinsr\u00e4ume, die Bebauungsversuche des Tempelhofer Felds, selbstverwaltete Fahrradwerkst\u00e4tten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gepflegter Mann kommt rein, einer der Wirten und seine Mitbewohnerin setzen sich mit ihm hin. Es geht um den Jobcenter und Bleiberecht. Die Mitbewohnerin empfiehlt, zu einer besonderen Sozialberatung zu gehen. Der Wirt sagt, dass er schreiben wird, dass er ihm Geld geliehen hat, denn laut dem Jobcenter besteht das Problem darin, dass der Betreffende letzten Monat kein Geld verdient hat. Sie reden weiter, leise, sanft.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stunde sp\u00e4ter ist das Caf\u00e9 leer, ich sitze immer noch da mit dem musikspielenden Wirt. Nach und nach kommen neue Besucher*innen, eine junge Frau, eine \u00e4ltere, ein Mann mittleren Alters,&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sitzen jetzt alle mit dem Wirt zusammen und diskutieren \u00fcber die R\u00fcckmeldung, die sie in Bezug auf ihre Vereinssatzung bekommen haben. Nur die junge Frau spricht akzentfrei Deutsch. Sie versuchen, die Einw\u00e4nde des Amts zu verstehen &#8211; gibt es was zu verstehen? &#8211; und welche Strategie sie verfolgen k\u00f6nnen. Jeder wird angeh\u00f6rt. Es scheint klar, was das Problem sein k\u00f6nnte und doch vollkommen unklar:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir k\u00f6nnen \u00fcber Tatsachen aufkl\u00e4ren aber nicht \u00fcber Missst\u00e4nde&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Keine Revolution machen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Warum?&#8220; sagt der Wirt und erwartet keine Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zwei M\u00e4nner, die das Omid aufgemacht haben, kommen aus der O-Platz-Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>O-Platz, die meistens die hierhin kommen wissen, was es hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ein paar Jahren, 2012-2014, hatten sich Gefl\u00fcchtete aus dem Lagersystem organisiert. Sie waren von W\u00fcrzburg, wo ein Gefl\u00fcchteter sich das Leben genommen hatte, nach Berlin marschiert. Manche von ihnen hatten sich auf dem Oranienplatz in Berlin Kreuzberg niedergelassen, und wurden von einem Teil der Berliner Bev\u00f6lkerung unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gefl\u00fcchteten waren nicht zu vertreiben, wollten nicht mehr als &#8222;Niemand&#8220; betrachten werden, vor sich hin krepieren. Sie wollten Rechte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie organisierten Demonstrationen, Besetzungen, Konferenzen, Hungerstreiks\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Als \u00fcberdeutlich wurde, dass trotz allem die politische Klasse, sie bestenfalls an die R\u00e4nder von Berlin vertreiben, schlimmstenfalls abschieben w\u00fcrde, gipfelte das Ganze mit der Besetzung der Schule der Ohlauerstr. unweit des O-platzes, und dem Versuch der polizeilichen R\u00e4umung. Bei dem Polizeieinsatz fl\u00fcchteten Gefl\u00fcchtete aufs Dach, der von ihnen bewohnten Schule, und drohten zu springen, wenn ihnen kein Bleiberecht gew\u00e4hrt werden w\u00fcrde. Neun Tage lang kreisten die Hubschrauber \u00fcber die Schule, w\u00e4hrend unten &#8211; von der Polizei abgeriegelt &#8211; Tag und Nacht demonstriert wurde, und europaweit die Augen der Medien auf das Dach gerichtet waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht eingehaltene Versprechen wurden gemacht, die Schule wurde nicht sofort ger\u00e4umt, ach ja, und ein karitatives Zentrum wird wom\u00f6glich auf dem Gel\u00e4nde der Ex-Schule, Ex-Zufluchts-, Ex-Organisierungsort entstehen. Sicher ist, dass das n\u00e4chste Ungeheuer das Thema der O-Platz-Gefl\u00fcchteten, abgel\u00f6st hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, in dieser Kneipe, wissen jedoch die Meisten, was O-Platz bedeutet und dass es au\u00dfer Revolution kein Entkommen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Jahr 2019 Gestern fahre ich zur\u00fcck nach Hause, oder eher zu meinem Freund, denn ich habe zurzeit kein Zuhause. 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