{"id":140,"date":"2025-11-28T15:50:29","date_gmt":"2025-11-28T15:50:29","guid":{"rendered":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=140"},"modified":"2025-12-02T18:50:00","modified_gmt":"2025-12-02T18:50:00","slug":"warum-es-stimmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=140","title":{"rendered":"Warum es stimmt."},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem Jahr 2019<\/p>\n\n\n\n<p>Man h\u00f6rt immer, dass es Bl\u00f6dsinn sei, dass alles fr\u00fcher besser war. Das es Etwas sei, das \u00c4ltere sagen, die alles verkl\u00e4ren und vor allem ihre Jugend. Verbitterte ewig gestrige.<\/p>\n\n\n\n<p>Leute, die Ver\u00e4nderungen nicht leiden k\u00f6nnen, an ihre Routine festhalten, Fortschritt-Muffels, kurzum absolut r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Nervens\u00e4ge!<\/p>\n\n\n\n<p>Und es stimmt, dass es sie gibt die Verkl\u00e4rer*innen. Wenn man sie zuh\u00f6rt, hat fr\u00fcher, und man wei\u00df nie wann dieser Fr\u00fcher war, alles besser funktioniert. Vor allem war die Jugend besser erzogen, besser gekleidet und hat gemacht was man tun musste, um ein ordentliches Leben zu haben. Oder sie war phantasievoller, rebellierender und \u00fcberhaupt sch\u00f6ner.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es stimmt, dass fr\u00fcher fr\u00fcher war, weil heute, heute ist und die Gesellschaft sich halt wandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es stimmt auch, dass Vieles Was es heute gibt, gab es auch fr\u00fcher. Es gab Arbeit und Arbeitslosigkeit, renovierte und sanierte Gr\u00fcnderzeitwohnungen und Bruchbuden, geschminkte Frauen und geschniegelte Jungen, Frauen, die sich nicht dem Geschlechterkanon angepasst haben und Jungen ebenso, Afro- und wei\u00dfe Deutsche, ruhige Sonntage und wilde N\u00e4chte, Angeber*innen, Umweltsauereien, verdorbenes Fleisch, Technologiefeinde, eine verb\u00fcrgerlichte Mittelschicht, die alles M\u00f6gliche verkl\u00e4rt hat und r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Nervens\u00e4ge!<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn es doch stimmen w\u00fcrde, dass es fr\u00fcher besser war? W\u00e4re es nicht niederschmetternd?<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wenn man sich Berlin heute anguckt, k\u00f6nnte es \u2013 eventuell &#8211; den Eindruck erwecken, dass es fr\u00fcher besser war,<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber woran kann man es \u00fcberhaupt messen? Heute habe ich entschieden alles aufzuschreiben, eine Art Liste zu verfassen, dessen was fr\u00fcher in Berlin und anderswo besser war.<\/p>\n\n\n\n<p>Also fangen wir mit meinem Standort an. Ich sitze an einem Schreibtisch vor dem Computer, neben mir sind noch ein Laptop, ein Tablett und zwei Smartphones, eins f\u00fcr die Arbeit, eins f\u00fcrs Private (aber es ist nicht so einfach zu trennen). OK, sehr viel fr\u00fcher, sa\u00df ich ohne Rechner am Schreibtisch aber der Gro\u00dfteil meines Lebens sa\u00df ich gegen\u00fcber eines Netzkastens, aber der anderen Kram, der war nicht da. Ich habe weniger Zeit damit verbracht auf unterschiedlichen Tastaturen zu hauen und zu wischen. Daf\u00fcr habe ich viel mehr Zeit in K\u00fcchen verbracht und hatte komischerweise die Zeit mich mit K\u00fcchenbesucher*innen zu unterhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer in dem ich mich befand \u2013 und die K\u00fcche &#8211; war auch meistens gr\u00f6\u00dfer und die Miete sowieso billiger. Ansonsten sah mein Zimmer mehr oder weniger \u00e4hnlich aus, vielleicht war mehr Unterw\u00e4sche auf dem Boden und vielleicht hatte ich weniger M\u00f6beln aber im gro\u00dfen und Ganzen alles gleich. Bin ich also in der Zeit stecken geblieben?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich aber meine Privatsph\u00e4re verlasse und mich ins eigentliche Berlin begehe, kann es in der Tat sein, dass das Umfeld mir etwas befremdlich vorkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Links und rechts, vorne, fast \u00fcberall laufen Gestalten, die brand neue saubere Kleidungst\u00fccke anhaben, schick aber originell genug um die scheuen Blicke zu fangen. Die Haare sind professionell frisiert und der kleine Hund schm\u00fcckt die Leine die ihn h\u00e4lt. Diese atemberaubenden Komparsen laufen schnell zur Arbeit oder sitzen mit Laptops in Caf\u00e9s, trinken ausgesuchte Kaffeesorten und essen wohlschmeckende Karamellkuchen. Sowas, aber sowas gab es wirklich nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Nein. Fr\u00fcher haben in Berlin die Kuchen nicht sonderlich gemundet, Berliner wussten nicht, dass es Mehlspeisen gibt, die anders als eine s\u00fc\u00dfe Betonmischung schmecken k\u00f6nnen und es war deren Verlust. Der Kaffee war auch nicht die gro\u00dfe St\u00e4rke der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch diese Stadt hatte viele Caf\u00e9s und Kneipen. Dort wurde schlechtem Kaffee und billiges Bier getrunken, laut Musik geh\u00f6rt und abgenutzte Klamotten getragen, mensch wurde auffallend betrunken und hat sich doch mit dem Nachbachtisch anfreundet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und k\u00f6nnt ihr euch vorstellen? Es war einfach einen Platz in einer Kneipe zu finden. Schlangen waren eine vermeintliche DDR-Sitte und man durfte sogar stundenlang oder die ganze Nacht sitzen bleiben. Die Kneipen waren mit den Bordmitteln gestrickt, alle unterschiedlich und oft phantasievoll, wie das eine, dass vollkommen Rot gestrichen war mit vielem Goldschnickschnack verziert oder das andere, dass runde Metallger\u00fcste hatte, in denen man klettern und sich niederlassen konnte. Aber sie waren nicht der Ort, vor denen man in der K\u00e4lte steht, weil man nicht auf der G\u00e4steliste steht, in denen alle mit den neuesten Snickers, Jacken und Taschen wetteifern und den Eindruck haben, dass sie ja am hipsten Ort in der hipsten Stadt der Welt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Berlin war dreckig! Es hatte viel mehr Freir\u00e4ume, war dementsprechend viel entspannter, doch weniger Menschen wollten hin. Seltsam\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter in meiner Liste: die Clubs. Heute reden alle dar\u00fcber, dass die Clubszene &#8211; weil es eine Szene ist &#8211; das ist was Berlin so reizvoll macht; Dass es ein Kulturgut ist und kein Weltkulturerbe werden soll, auch kein immaterielles, oder doch ? Kurzum es ist ein Wirtschaftsfaktor und ist doch von Verdr\u00e4ngung und Aussterben bedroht. Heute darf mensch Stundenlang in einer Schlange stehen, viel Geld ausgeben, sich zu der Jetset-Club-Community geh\u00f6rig f\u00fchlen, eventuell echte Wesen aus der K\u00fcnstlerelite sehen, vielleicht sogar welche ansprechen und kontrolliert tanzen. Und woher kommen diese Clubs?<\/p>\n\n\n\n<p>Daher, dass es viele billige oder besetzte R\u00e4ume gab, wo Leute Parties organisiert haben, weil sie eben Lust hatten diese zu organisieren, ihre Musik zu spielen und darauf unkontrolliert zu tanzen. Ok, es ist ein bisschen vereinfacht dargestellt aber das gab es und nicht wenig.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Club zur\u00fcck zur Wohnung, n\u00e4mlich in die WG. In einer WG zu wohnen &#8211; also in einer W-o-h-n-g-e-m-e-i-n-s-c-h-a-f-t &#8211; war meist eine bewusste Wahl. Ja, mehrere Menschen wollten zusammen wohnen. Zusammen essen, zusammen trinken ab und zu zusammen tanzen und es war nicht schlimm, dass mensch den Beziehungsstreit seines Mitbewohner geh\u00f6rt hat. Es war auch nicht schlimm, dass man nicht nackt durch die Wohnung rennen konnte (es sollen es Leute trotzdem gemacht haben). Ob aus Deutschland oder woanders kommend, wussten wir das Zusammenwohnen bereichernd ist und dass wir anders wohnen wollten als vorgesehen war: allein, als Paar oder Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Woche hat die erste Plattform, die Mitbewohner*innen per Algorithmus sucht, eine breite angelegte Werbekampagne begonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos Technologie. Berlin war eine Stadt, die wirtschaftlich nicht besonders erfolgreich war, es war nicht besonders lustig Arbeit suchen zu m\u00fcssen\u2026 Heute wo St\u00e4dte sich gl\u00fccklicherweise vermarkten k\u00f6nnen, macht sich Berlin f\u00fcr das sogenannte Techkapital attraktiv und anz\u00fcglich. Es hat noch Potential. Gro\u00dfe und kleine Internetfirmen Sprie\u00dfen in alten Gewerbeh\u00f6fe, ehemaligen Schulen und Feuerwachen, in Wohnungen und in gl\u00e4nzenden B\u00fcrow\u00fcsten. Die ehemaligen Mieter*innen?<\/p>\n\n\n\n<p>Amazon kommt nach Berlin! Yuhou! 120 qm hoher B\u00fcroraum, tausende hoch ausgebildete, hoch motivierte, Laptop trinkende und Kafeetragende, erzwungenerma\u00dfen gutgelaunte flexible flinke Mitarbeiter*innen. Auf dem Gel\u00e4nde des Flughafentegels wird ein zukunftsweisender Technologiepark entstehen. In Siemensstadt wird a new Siemensstadt entwickelt, ein Siemensstadt 2.0 \u2013 wie altmodisch \u2013 ein Zukunftscampus f\u00fcr Forschung, B\u00fcros und Wohnen. Der nutzlose Gasometer Sch\u00f6nebergs will Tesla in ein Design und Entwicklungszentrum umwandeln. Endlich ist die Zukunft angekommen und \u00f6ffnet uns ihre Arme! Fr\u00fcher haben \u00fcbrigens nicht so viele Leute auf der Stra\u00dfe leben m\u00fcssen aber es ist vielleicht ein anderes Thema?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist das Letzte in meiner Liste f\u00fcr heute, morgen kommen noch die Anti-Abtreibungsproteste, die AfD-W\u00e4hler*innen und die Nazischl\u00e4ger*innen, der Autoverkehr und die Verfassungsklage gegen den Mietendeckel.<\/p>\n\n\n\n<p>Es k\u00f6nnte doch stimmen, dass es fr\u00fcher ein bisschen besser war, oder auch nicht. Es ist einfach in vieler Hinsicht schlimmer geworden und es nicht niederschmetternd. Doch was man daraus macht, ist eine ganz andere Sache.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Jahr 2019 Man h\u00f6rt immer, dass es Bl\u00f6dsinn sei, dass alles fr\u00fcher besser war. Das es Etwas sei, das \u00c4ltere sagen, die alles verkl\u00e4ren und vor allem ihre Jugend. Verbitterte ewig gestrige. Leute, die Ver\u00e4nderungen nicht leiden k\u00f6nnen, an ihre Routine festhalten, Fortschritt-Muffels, kurzum absolut r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Nervens\u00e4ge! 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