{"id":157,"date":"2025-12-02T18:45:43","date_gmt":"2025-12-02T18:45:43","guid":{"rendered":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=157"},"modified":"2025-12-02T18:49:08","modified_gmt":"2025-12-02T18:49:08","slug":"wer-ohne-syndi-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=157","title":{"rendered":"Wer ohne Syndi ist\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem Jahr 2020<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das Syndikat wurde verkauft. Alles nur gekauft?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Syndikat in der Weisestr. Neuk\u00f6lln wurde verkauft und wird es nicht \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Syndikat gibt es seit \u00fcber 30 Jahren, es ist nicht nur eine Kneipe in Berlin Neuk\u00f6lln, es ist es ein Lebensgef\u00fchl und eine r\u00e4umliche Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche sagen, dass es eine Punkrock-Kneipe ist, andere eine Billiardkneipe und seit einigen Jahren sagt man, dass es eine Kiezkneipe ist. Was soll eine Kiezkneipe sein? Vermutlich keine Kneipe, in die man geht, um gesehen zu werden. Obwohl man dort ziemlich viele bekannte Gesichter sieht. Das Kneipenkollektiv vom Syndikat sagt, dass es Kultur von unten verteidigt. Jedes mal frage ich mich, welcher Kulturbegriff dort bedient wird. Gewiss wird mensch am Tresen bedient, und zwar gutes billiges Bier und alle m\u00f6glichen Getr\u00e4nke, gut und billig. Sich in der Kneipe zu treffen, sich einfach dort treffen zu k\u00f6nnen und m\u00f6glicherweise einen Gro\u00dfteil der Nacht bleiben zu d\u00fcrfen, ist bestimmt ein Kulturgut. Au\u00dferdem liegt dort viel wertvolle Literatur. DIY Flyer, Zeitschriften, Leaflets, Hefte, nochmals Flyer zu Veranstaltungen und Aktionen, die in der Stadt los sind. Es ist also sowohl eine Bierkneipe als auch ein Informationszentrum.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ach ja, und es gibt auch das Weisestra\u00dfenfest, das vom Syndikat mitorganisiert wird, aber deshalb wurde das Syndikat nicht gekauft. F\u00fcr die gut betuchten Neuanwohner*innen des Kiezes zahlt sich Kultur von unten nicht genug im kulturellen Lebenslauf aus. Auch wenn ein paar City-Entdecker*innen sich ab und zu beim Stra\u00dfenfest verirren, m\u00fcssten sie schon ziemlich viel dazu dichten, um aus deren Abenteuern Kulturkapital zu schlagen, denn billige Essensst\u00e4nde, Punkrock-Konzerte und Infost\u00e4nde mit linkspolitischen Bl\u00e4ttchen haben selten Anlass zum kulturellen Aufstieg gegeben. Aber wer wei\u00df&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall haben diejenigen, die das Syndikat gekauft haben, nicht das Abenteuer gesucht, haben nichts entdeckt, die haben es nicht mal gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pears Global hat das Syndikat und noch einige H\u00e4user oder gar Stra\u00dfenz\u00fcge erworben. Ich kann nicht \u00fcber sie reden ohne, dass ich vom Ekel \u00fcberkommen werde. Entweder schaltet sich mein Hirn aus oder der jedes Wort wirkt verharmlosend. Sie sind das perfekte Feindbild: globale Briefkastenfirma, wohinter eine Milliard\u00e4rsfamilie steckt, zerst\u00f6ren das Leben von Menschen, ohne sich jemals die H\u00e4nde schmutzig zu machen, unerreichbar, unantastbar. Wie viele Gesetze sie gebrochen haben, ob man mit ihrem Tun einverstanden ist oder nicht, ist v\u00f6llig wurscht, denn am Ende wird der Staat deren Eigentum mit allen Mitteln sch\u00fctzen. Und dieser Tag ist gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit anderthalb Jahren hat das Syndikats-Kollektiv alles nach dem b\u00fcrgerlichen Drehbuch gemacht: die Machenschaften von Pears Global aufdecken und darauf aufmerksam machen, an die Presse gehen, die Anwohner*innen mobilisieren, die Milliard\u00e4rfamilie besuchen, vor Gericht ziehen, Demonstrationen organisieren, sich mit anderen Mietk\u00e4mpfen solidarisieren, und und und. Der R\u00e4umungstermin ist gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Tag ist es bedeutungslos, ob f\u00fcr Hunderte, Tausende, in einer Stadt die ihnen schon l\u00e4ngst nicht mehr geh\u00f6rt, das Syndikat ein wichtiger Ankerpunkt ist. Fakt ist, das Haus wurde verkauft und der Staat und ihre Handlanger wird die neuen Eigent\u00fcmer unterst\u00fctzen, damit es in deren Besitz kommt. Punkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens seit dem Ende des Corona-Lockdowns ist das Viertel mit Plakaten f\u00fcr den Erhalt des Syndikats zugepflastert. An den Balkonen h\u00e4ngen Wimpel und Banner mit \u201eSyndikat bleibt\u201c oder einfach \u201eSyndi bleibt\u201c, es finden Strassen-Soliparties und Demonstrationen statt, denn nicht nur wer nicht k\u00e4mpft hat schon verloren, sondern wer wei\u00df, dass er verlieren wird und nicht k\u00e4mpft, hat schon lange seine W\u00fcrde verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Countdown l\u00e4uft und das Syndikatskollektiv wirkt immer mehr m\u00fcde. Eine Veranstaltung \/ Kundgebung zu Zwangsr\u00e4umungen, ein Stra\u00dfenfest mit Konzerten, und eine Gro\u00dfdemo wof\u00fcr bundesweit ausgerufen wurde, haben sie noch organisiert. Die ersten K\u00fcchenger\u00e4te sind an andere Kollektive verschenkt worden. Diese Woche findet das letzte Syndikatsstra\u00dfenfest statt: am Abend vor der R\u00e4umung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein fr\u00f6hliches Ende k\u00f6nnte man denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzten Samstag war ich mit ein paar Freund*innen bei der (letzten?) Demonstration f\u00fcr das Syndikat: \u201eRaus aus der Defensive\u201c war das Motto. Doch andere waren in der Offensive.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns am Herrfurthplatz versammelt, Tausend, Zweitausend Menschen jung und alt, aufgeregt oder ruhig, alle solidarisch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall: Polizeiwannen und Kolonnen von schwarz gepanzerten, behelmten Besch\u00fctzern dessen, was unser Leben mies macht.<\/p>\n\n\n\n<p>In den sehr kurzen Redebeitr\u00e4gen wurde angek\u00fcndigt, dass bei dem ersten Anzeichen Polizeigewalt, die Demonstration aufgel\u00f6st wird, und schon sind wir los marschiert. Durch die Herrfurthstr. \u00fcber die gro\u00dfe Hermannstr., die endlich f\u00fcr uns war, in die kleine Stra\u00dfe, die zum Jobcenter Neuk\u00f6lln f\u00fchrt. Gleich bei den ersten hundert Metern, habe ich ein paar Freund*innen aus Berlin Mitte getroffen, denen das Syndikat auch was bedeutet. Nach einer kurzen Atempause am Jobcenter, runter zum Boddinplatz und gleich die Boddinstr. hoch wieder zur Hermannstr. Dort blieb die Demonstration pl\u00f6tzlich stehen. Abgesehen von verunsicherten Demonstrant*innen und Caf\u00e9g\u00e4ste, die auf dem B\u00fcrgersteig ihren Kaffee genossen, war nicht viel zu sehen, als pl\u00f6tzlich die gewaltbereiten schwarzgekleideten Hater in die Menge losmarschierten. Zeitgleich rannten Demonstrant*innen die Hermmannstr. hoch und fl\u00fcchteten in die Seitenstra\u00dfen. Die Bullen rannten, hauten in die Menge, griffen nach rennenden Menschen, schleuderten sie auf den Asphalt. \u00dcberall Schreie.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Angriff der behelmten gewaltt\u00e4tigen Beamten war unsere erste Reaktion sich mehr oder weniger in Sicherheit zu bringen. In die N\u00e4he der Kaffeetrinkern, egal wo, Hauptsache wo weniger Chance bestand gehauen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Sichtentfernung wollten die Bullen weiterhin Demonstrant*innen wegzerren und pr\u00fcgeln; Ein Junge warf eine Flasche in deren Richtung und verfehlte sein Ziel. F\u00fcr ein Bruchteilsekunde schien er selbst von seiner Tat erstaunt. Auf jeden Fall rannte er nicht schnell genug weg und eine Horde von geschulten Gewaltt\u00e4tern st\u00fcrzten sich auf ihn, zerrten ihn zum Boden und fingen an zu schlagen. Sofort rannten Demonstrant*innen, sogar Caf\u00e9besucher*innen, zu der Schl\u00e4gertruppe, versuchten den Festgenommenen zu helfen, und andere filmten das Geschehen. W\u00e4hrenddessen schrie und weinte die junge Freundin des Menschen der am Boden lag: &#8222;\u2026 bleib mit mir, bleib mit mir!&#8220; und die Gewaltt\u00e4ter schieben sie immer wieder brutalst zur\u00fcck. Der junge Mensch wurde zu einer Wanne weggeschleppt, verachtungsvolle Schreie schallten durch die Menge, wir blieben aber alle hilflos stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Demonstration wurde offiziell beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich mir heute die Presseberichte dazu anschaue, dreht sich mein Magen um, denn wer die Angreifer gewesen sind, wird dort selbstverst\u00e4ndlich nicht erw\u00e4hnt. Wie zu den guten alten Zeiten, wo man nicht die Presse gegen\u00fcber rechten Spinnern verteidigen musste&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Das war die Samstagsabend-Demonstration f\u00fcr den Erhalt des Syndikats. Bullenw\u00e4gen fuhren noch Stunden lang im Viertel herum, ein Hubschrauber kreiste im Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Donnerstag ist das letzte Stra\u00dfenfest mit dem Syndikat. Und vergiss nicht, wer ohne Syndi ist, der werfe den ersten Stein.<sup data-fn=\"464a5962-f051-43b9-8bc9-512b078eb722\" class=\"fn\"><a href=\"#464a5962-f051-43b9-8bc9-512b078eb722\" id=\"464a5962-f051-43b9-8bc9-512b078eb722-link\">1<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"464a5962-f051-43b9-8bc9-512b078eb722\">In allen Ehren, muss ich darauf hinweisen, dass der Spruch auf einem Demonstrationsschild gesehen wurde. <a href=\"#464a5962-f051-43b9-8bc9-512b078eb722-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Jahr 2020 Das Syndikat wurde verkauft. Alles nur gekauft? Das Syndikat in der Weisestr. Neuk\u00f6lln wurde verkauft und wird es nicht \u00fcberleben. Das Syndikat gibt es seit \u00fcber 30 Jahren, es ist nicht nur eine Kneipe in Berlin Neuk\u00f6lln, es ist es ein Lebensgef\u00fchl und eine r\u00e4umliche Realit\u00e4t. 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