{"id":169,"date":"2025-12-22T18:20:28","date_gmt":"2025-12-22T18:20:28","guid":{"rendered":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=169"},"modified":"2025-12-22T18:20:30","modified_gmt":"2025-12-22T18:20:30","slug":"psychologie-einer-grossstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=169","title":{"rendered":"Psychologie einer Gro\u00dfstadt"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem Jahr 2020<\/p>\n\n\n\n<p>In der Psychologie, zumindest in derjenigen die f\u00fcr Laien nachvollziehbar ist, wird gerne mit Phasen gearbeitet. Dabei geht es oft darum sich an einer schockartigen Situation zu gew\u00f6hnen und anzupassen. So zum Beispiel die Sterbephasen von Elisabeth K\u00fcbler-Ross, \u201eNicht-Wahrhaben-wollen\u201c, \u201eZorn\u201c, etc. bis zur Zustimmungsphase. Oder die Phasen des Kulturschocks von Kalervo Oberg die von \u201ealles super prima\u201e \u00fcber \u201ealles total bescheuert\u201c zu \u201ees geht doch\u201c gehen. Es gibt auch die Phasen, die wir alle durchlaufen bevor wir produktive Mitglieder des allt\u00e4glichen Wahns werden, wie Freud sie uns lustvoll nahegebracht hat: die orale Phase, die narzisstische Phase, die anale Phase, die phallische Phase oder f\u00fcr diejenigen, die wissen, dass es auch Vaginas gibt, die genitale Phase, usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Freud geht es auch darum einen Schock zu verarbeiten, n\u00e4mlich den Schock der Geburt. Ein Prozess das uns Lebenslang in Anspruch nimmt, bis wir nichts mehr verarbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Phasensystem ist leicht verst\u00e4ndlich und kann auf alles m\u00f6glich angewandt werden. Auf die Lebensabschnitte oder -phasen von Individuen, als auf ganze Gesellschaften, sowie auf gesellschaftliche Errungenschaften \u2013 Kunst, Wissenschaft, Organisationen \u2013 und auch f\u00fcr klinische Studien, f\u00fcr Mediationen und Meditationen, f\u00fcr Wirtschaftskrisen, f\u00fcr Fasten und f\u00fcr die Weimarer Republik.<\/p>\n\n\n\n<p>St\u00e4dtisches Leben durchl\u00e4uft auch Phasen und so auch Berlin seit der Schockstarre des ersten Corona bedingten Lockdowns im Fr\u00fchling 2020.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Befinden wir uns in einem zu fr\u00fchen Entwicklungsstadium um Phasen ausmachen zu k\u00f6nnen? Lasst uns ausprobieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Phase, als klar wurde, dass ein Leben im Lockdown m\u00f6glich ist, nennen wir die Phase des <strong>Zombii<\/strong><strong>e<\/strong><strong>smus<\/strong>. Leere Stra\u00dfenz\u00fcge und ab und zu Menschen mit glasigen Augen zogen der Fahrbahn entlang, Wohnungslosen durchquerten schreiend Pl\u00e4tze, andere torkelten auf den B\u00fcrgersteigen mit ihren Smartphonen in den H\u00e4nden, die Augen auf sie fixiert. In der N\u00e4he der Parks, rannten einzelne hin und her \u2013 noch nie so viele Jogger gesehen \u2013 und um sie herum andere machten einen weitr\u00e4umigen Bogen. Wer, allein oder zu zweit, in die Parks ging, vorzugsweise auf den Tempelhoferfeld, irrte ziellos herum, fast stolpernd. Und so waren die Freifl\u00e4chen voll von murmelnden und ziellos kreisenden Zombies.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Phase hei\u00dft die \u201e<strong>Erstorientierung eines Trunkenen<\/strong>\u201c. Am Anfang dieser Phase, also bei den \u201eschrittweise Lockerungen\u201c, sind die Bewohner*innen dieser Stadt aus den H\u00e4usern und den den Parks ausgebrochen und haben sich an die neu gewonnene Freiheit herangetastet. Die meisten waren vorsichtig, haben nicht die erneut offenen L\u00e4den \u00fcberrannt oder die Banken gepl\u00fcndert. Alle guckten noch vorsichtig um sich herum und diejenigen, die von zu Hause aus arbeiteten, sind nicht sofort zum geliebten Arbeitsplatz gefahren. Angst? Neue Gewohnheiten gewonnen? Vorsicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Gelassene Menschen sa\u00dfen in den Parks, meist du zweit oder zu dritt mit dem geb\u00fchrenden Abstand. De Stra\u00dfen wurden voller aber nicht hektisch. Ein paar Menschen versuchten alte Muster anzuwenden: Fahrradfahrer*innen beschimpfen; Andere neue auszuprobieren: fremde Menschen in der U-Bahn anzul\u00e4cheln. War ein Witz. Es war eine Zeit der Suche nach dem m\u00f6glichem, die &#8211; so wie es scheint \u2013 nicht lange andauerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Von einem Tag zum Anderem kam dann die \u201e<strong>Trotzphase<\/strong>\u201c. Niemand kann sagen, wann und wie sie kam aber sie war da.<\/p>\n\n\n\n<p>Gruppen versammelten sich vor Galerien oder Bars, gr\u00fc\u00dften sich gelassen, dr\u00fcckten sich die Hand, umarmten sich und das war ganz und gar nicht normal. So passierte es, dass ich an der Kottb\u00fcsserbr\u00fccke mit dem Fahrrad vorbei fuhr, und eine Gruppe von sch\u00f6n gestylten jungen Menschen in deren Zwanzigern, sah. Diese waren nicht nur zum Ausgehen angezogen, sondern sie umarmten sich demonstrativ, quasi in Tanzschritten wechselten sie die Umarmungsform oder die Umarmungspartner*innen, und strahlten, wie keine Umarmung es je hervorgelockt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war auch die Zeit, in der das Tragen von Masken empfohlen wurde und, in der es besonders rebellisch angesehen wurde, keine zu tragen oder gar sie am Kinn h\u00e4ngen zu lassen. Frauen dann zu sagen, dass sie mit Maske h\u00e4sslich auss\u00e4hen, war eine ganz tolle Demonstration von St\u00e4rke.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann die Tanzparties, weil es wichtig ist, dem Virus zu trotzen. Nicht weil die Freude zu gro\u00df war oder weil wir uns von einem b\u00f6sen Regime befreit h\u00e4tten. Ein Einkommen verdienen musste man ja immer noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vierte Phase war die <strong>Akkommodationsphase<\/strong> oder die <strong>ich-gew\u00f6hne-mich-daran<\/strong>-Phase.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle gingen nun nach drau\u00dfen und fanden einen Modus Vivendi. Sie waren \u00fcblicherweise vorsichtiger als in der vorherigen Phase, hatten Strategien entwickelt um die alten Routine wiederzubeleben und sich trotzdem wie man heute sch\u00f6n sagt \u2013 Coronakonforme zu verhalten. Die Angst war weitestgehend weg, Kneipen wurden besucht aber es wurde drau\u00dfen gesessen. Masken wuchsen zum normalen Modeaccessoire heran, man wurde nicht mehr angeschriehen, wenn man Jemanden den Vortritt gab, um Abstand zu halten. Mensch traf wieder Freund*innen, hatte Spa\u00df, drau\u00dfen oder drinnen bei offenen Fenstern und fuhr in den Urlaub. Nicht so weit weg, vorzugsweise mit dem Fahrrad oder einem Auto, aber man traf und vermischte sich. Die Stra\u00dfen waren voller Fahrr\u00e4der und Autos, die E-Roller waren auch zur\u00fcck. Es entstanden pl\u00f6tzlich Spielstra\u00dfen, tempor\u00e4re Radwege und Autobahnen wurden weiter gebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab keine Kusshapenings mehr, aber Wahnsinnige hatten sich organisiert und wollten zeigen, dass sie unverwundbar \u2026 Dumm sind. In der Trotzphase waren sie noch nicht so zahlreich, es waren keine Rebellen, es war der ganz normale reaktion\u00e4re Zustand, der in der Situation seinen entsprechenden Ausdruck findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Akkommodationsphase kommt nicht wie gew\u00f6hnlich die <em>Akzeptanz- oder die Integrationsphase<\/em>. Sommer ist vorbei und wir erinnern uns daran, dass unser Leben an der Einsatzf\u00e4higkeit von Pflegekr\u00e4fte und \u00c4rzte abh\u00e4ngt. Aber die kapitalistische Maschine muss am Laufen gehalten werden. Es ist die bekannte <strong>Fahren-gegen-die-Wand<\/strong> Phase. Schulen und Kinderg\u00e4rten \u00f6ffnen und schlie\u00dfen wie Fensterl\u00e4den im Wind, man macht trotzdem weiter. Die Stadt ist voll von hektischen Menschen, die rum fahren, arbeiten, einkaufen, zum Arzt gehen. Restaurants, Sprach- und Sportschulen haben auf, der Eingang ist nicht der Ausgang und der Ausgang ist nicht der Eingang, die Masken sind f\u00fcr viele wie eine zweite Haut geworden aber es wird weiter konsumiert, gelernt und vor allem produziert und geleistet. Man kann es kaum glauben, dass Viele &#8211; zumindest zeitweise &#8211; aufs Land ziehen. Sp\u00e4testens in dieser Phase ist es angekommen, dass die Stadt nichts mehr zu bitten hat, was eine Stadt sonst bittet, sie ist auf ihr Gerippe und ihre Ged\u00e4rme reduziert: arbeiten und Arbeit am Funktionieren erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie funktioniert und kurz vor dem Knall kommt die <strong>Depressionsphase<\/strong>. Sie rettet eine\/n davor in die Wand zu knallen. Insofern ist es schon richtig psychischen Reaktionen eine rettende Funktion zu attestieren, wenn auch nicht die Beste.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Phase ist die Stadt noch mehr auf das wesentliche im Kapitalismus reduziert: arbeiten und vergessen. Es werden ja rituelle Feier abgehalten, Weihnachten und das ganze Drum Herum, es ist jedoch f\u00fcr viele nicht genug Vergessen um weiter machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar richten sich doch ein, gehen in die K\u00e4lte spazieren, oder noch \u00fcblicher, machen Joga hinter geschlossenen Vorh\u00e4ngen und vor einem schimmernden Bildschirm. Die Stra\u00dfen sind ruhig, nicht leer, nur ruhig und tr\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Licht schimmert doch am Ende des Tunnels, es ist das Licht des Vakzins. Aber was kommt danach? Es ist noch ungewisser als bei den Sterbephasen von Kubler-Ross, deshalb sind die folgenden Phasen noch zu schreiben. Sicher ist: das Stadtleben m\u00f6chte keine E<strong>s-ist-fein-so-for-ever<\/strong> Phase.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Jahr 2020 In der Psychologie, zumindest in derjenigen die f\u00fcr Laien nachvollziehbar ist, wird gerne mit Phasen gearbeitet. 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