{"id":174,"date":"2026-03-04T22:32:20","date_gmt":"2026-03-04T22:32:20","guid":{"rendered":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=174"},"modified":"2026-03-04T22:32:32","modified_gmt":"2026-03-04T22:32:32","slug":"darueber-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=174","title":{"rendered":"Dar\u00fcber reden"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem Jahr 2025<\/p>\n\n\n\n<p>Seit zwei Jahren herrscht in meinem Berlin einen w\u00fctenden Konflikt.<\/p>\n\n\n\n<p>Habt ihr schon eine Auseinandersetzung erlebt, bei der es schon lange nicht darum geht, was gesagt wird? Bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und eine wor\u00fcber ihr Angst habt dar\u00fcber zu reden?<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Konflikt, diese Fehde, hat fast alle erfasst und findet in allen politischen Situationen statt, die in der \u00f6ffentlichen wie in der privaten Sph\u00e4re ausgetragen werden. W\u00e4hrend ich dar\u00fcber schreibe, ergreift mir die Bef\u00fcrchtung, dass Lesende w\u00fctend werden \u2013 ist mir sonst egal \u2013 mich einer Seite zurechnen oder gar keiner, was mittlerweile noch schlimmer ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Freund*innen reden nicht mehr miteinander, Gruppen bei denen nicht wirklich geredet wurde, haben sich gespalten, H\u00e4user wurden angegriffen, Gesch\u00e4fte haben Kund*innen verloren, Menschen werden verpr\u00fcgelt, verhaftet, abgewiesen. Morddrohungen werden verfasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nun zur Geschichte, die beiseite gesagt, nicht besonders dramatisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Samstag ist es Party! Ein Stra\u00dfenfest: Es gibt Bier- und Essensst\u00e4nde, Infost\u00e4nde, eine offene Fahrradwerkstatt, Aktivit\u00e4ten f\u00fcr Kinder und viele Konzerte!<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Jahr bin ich von der Crew, die das Fest organisiert. Monate lang haben wir Pl\u00e4ne geschrieben, Bands angefragt, B\u00fchne, Zapfanlagen, Toiletten gemietet, Sanit\u00e4ter*innen organisiert, Getr\u00e4nke gekauft, Plakate gedruckt und geklebt, Nachbar*innen informiert&#8230;Wir haben viele Gruppen f\u00fcr Infost\u00e4nde eingeladen: zu \u00f6kologischen, feministischen Themen, zur Militarisierung, Faschismus, Rassismus, Lohnarbeit, Repression. Die Stra\u00dfe ist bunt, die Anwohner*innen sind fr\u00f6hlich und ein paar Nachbar*innen grillen sogar vor deren Haus. Kurzum die Sonne scheint im wahrsten wie im \u00fcbertragen Sinne.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch am Horizont wehen zwei Flaggen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Westsahara und eine Pal\u00e4stinaflagge um genauer zu sein. Ein paar von uns aus der Orga-Crew tauschen sich aus: \u201eKonsens beim Fest war immer keine Nationalflaggen, wir m\u00fcssen was sagen,\u201c. Das Fest ist ein Kiezfest und, wenn auch politisch, es sollte sich nicht auf Staaten bezogen werden. Die meisten von uns denken bestimmt, dass Nationalstaaten an sich teil des Problems sind, aber es geht auch um Konfliktvermeidung. Also gehen wir auf die St\u00e4nde zu. Die Leute kennen uns schon lange aber wir erl\u00e4utern die Policy des Festes und bitten darum die Flaggen weg zu nehmen. Der Westsaharastand protestiert vehement, ich werde als reaktion\u00e4r beschimpft, weil es keine Nationalflagge ist, sondern eine (National-)befreiungsflagge! Die Leute vom anderen Stand, die auch in den vergangenen Jahren beim Stra\u00dfenfesten anwesend waren, sagen gl\u00fccklicherweise nichts und nehmen die Flagge ab, w\u00e4hrend die Westsahara Aktivist*innen die Flagge um ihren langen Mast wickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein halbe Stunde sp\u00e4ter, sehe ich Toni ziemlich aufgel\u00f6st. Die Pal\u00e4stinaflagge sei wieder aufgeh\u00e4ngt worden und er sei angeschrien worden als er erneut darum bat sie weg zunehmen. Ich habe Schwierigkeiten es mir vorzustellen, da die Leute vom Stand die Flagge schnell und kommentarlos abgenommen hatten. Toni sagt mit einer zitternden Stimme, dass er sich nicht trauen w\u00fcrde wieder hinzugehen. Unser Ordner \u2013 Sadeck \u2013 schaut uns mit traurigen Augen an. Er f\u00fchlt sich nicht wohl in solchen Situationen, sagt er. Na gut, dann nehme ich Lina mit und pr\u00e4zisiere, dass wir nett reden sollten, damit die Situation nicht eskaliert. Am Stand ist eine neue Person anwesend. Laute Schreie: \u201eEs ist keine Nationalflagge, wir werden sie nicht abnehmen. Wen glaubt ihr, das ihr seid, ihr seid keine Linken!\u201c Na gut ich werde exkommuniziert. Ich: \u201eEs w\u00e4re nett, wenn&#8230;\u201c \u201eSchei\u00df Wei\u00dfe, halt die Fresse, es ist wegen Leute wie Du, dass es ein Genozide gibt!\u201c Bedrohungen, was mit uns passieren wird, wenn wir noch einen Schritt machen, folgen und der Rest ist Rauch in meinem Gehirn. Ich gehe weg, w\u00e4hrend sich eine Gruppe um den Stand versammelt. Ich h\u00f6re noch wie Martin auf das lauthals wiederholte \u201eHalt die Fresse, es ist keine Nationalflagge!\u201c antwortet, dass einige Staaten Pal\u00e4stina anerkannt haben. Es ist wirklich nicht der Moment politische Diskussionen zu f\u00fchren, denke ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lassen beide Flaggen in Ruhe, denn an diesem Tag ist ein Fest ohne Konflikt am Wichtigsten.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tten wir anders handeln sollen? Unsere Meinung \u00e4ndern und akzeptieren, dass manche Flaggen eine andere Bedeutung haben? Doch, wo die Grenze ziehen? Und es tut weh, wenn mensch f\u00fcr Befreiung jenseits von Nationalstaaten ist. Sagen, dass sie gerne Poster gegen den Genozid in Gaza aufstellen k\u00f6nnen, jedoch keine Flagge? Doch es h\u00e4tte vermutlich nichts gebracht. In einer Zeit, wo Menschen, die gegen Kriegsmassakern sind, mit Antisemitismus und Islamismus bezichtigt werden, wo andere, die sich gegen Antisemitismus positionieren, als wei\u00dfe Mitt\u00e4ter*innen gedeutet werden, wo Nationalstaaten Kriege gegen Gebiete f\u00fchren, die keine Staaten sind, sind leider Ann\u00e4herungen, gar Auseinandersetzungen nicht mehr m\u00f6glich. Hatte es sich schon w\u00e4hrend der Coronapandemie abgezeichnet, als sog. Schwurbler*innen und vermeintliche Freiheitsgegner*innen sich gegenseitig beschimpften? \u201eWir impfen euch alle\u201c, \u201eImpfdiktatur\u201c, und andere Subtilit\u00e4ten schallten schon regelm\u00e4\u00dfig durch die Echozimmer des Netzes.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies geschieht in Berlin. Wie machen Pal\u00e4stiner*innen und Israeli von z.B. Standing Together, um miteinander zu reden? Sie haben schlie\u00dflich ein bisschen schwerer, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Doch mich hat ein Kollege angesprochen, der w\u00e4hrend dem Schlagabtausch auf dem Fest, Partei gegen uns ergriffen hatte. Er m\u00f6chte mit mir reden. Auch, wenn einige aus der Orgagruppe wenig Sinn darin sehen, bin ich ihm dankbar. Wir m\u00fcssen reden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Jahr 2025 Seit zwei Jahren herrscht in meinem Berlin einen w\u00fctenden Konflikt. Habt ihr schon eine Auseinandersetzung erlebt, bei der es schon lange nicht darum geht, was gesagt wird? Bestimmt. Und eine wor\u00fcber ihr Angst habt dar\u00fcber zu reden? 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