{"id":185,"date":"2026-06-10T18:20:45","date_gmt":"2026-06-10T18:20:45","guid":{"rendered":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=185"},"modified":"2026-06-10T18:20:47","modified_gmt":"2026-06-10T18:20:47","slug":"noch-eins-weniger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=185","title":{"rendered":"Noch eins weniger"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mensch sagt, dass man sich im Corona-Winter einrichtet. Neben der Arbeit kann man Kuchenbacken, neue Serien entdecken, Familien-skype-abende gestalten, an Zoom-Sportstunden teilnehmen, sich auf einer Datingseite anmelden, eine Sprache auf der Duolingo App lernen, den Keller entr\u00fcmpeln, Online-Feierabendbiere trinken, Kochsendungen anschauen, und wie ich, Wohnungsanzeigen lesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit den ganzen Leuten, die zumindest f\u00fcr eine gewisse Zeit Berlin verlassen, gibt es viele Zimmer zur Zwischenmiete. Das Angebot gleicht aber nicht die Nachfrage aus, denn Viele suchen dringend eine Bleibe, sei es weil der Eigent\u00fcmer Eingenbedarf angemeldet hat oder weil ihre Zwischenmiete ausl\u00e4uft. Aber die richtigen dauerhaften Mietanzeigen gibt es auch: die Lofts mit Bodentiefefenster, Terrasse zum Wasser, brandneuer Einbauk\u00fcche und funkenden Badezimmerarmaturen, zu zweitausend Euro Miete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so zwischen drei Anzeigen f\u00fcr sechs Wochen Untermiete in einem 12-Quadratmeter-Zimmer und 10 Anzeigen f\u00fcr 35-Quadratmeter-Studios zu 900 Euros in den Au\u00dfenbezirken, habe ich eine E-Mail von einer Zehner-WG in Kreuzberg entdeckt, die eine\/n Mitbewoher*in in meinem Alter sucht. Um das Altersgleichgewicht in der Wohngemeinschaft zu halten. Zusatz, dort wird auf die Coronagefahr geachtet und es gibt regelm\u00e4\u00dfige Plena. Also was f\u00fcr Altberliner*innen. Man muss sich auf den Spruch am Ende des Anzeigetexts beziehen, damit sie wissen, ob man die ganze E-Mail gelesen hat. Also legen sie Wert darauf, dass man das WG-Alphabet kennt. A. wie Autonomie, Z. wie Zusammenleben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neugierig melde ich mich. Wenn ich nicht unter den erst ausgew\u00e4hlten geh\u00f6re ist es egal, ich habe eh den ganzen Winter Zeit. Ich schreibe ein bisschen was zu mir: Cis-Geschlecht, Alter, Zustand meines Gebisses, Hobbies (Wohnungsanzeigen lesen und dar\u00fcber schreiben), WG-Erfahrung und was was mich dazu bewegt mich gerade auf diese Anzeige zu bewerben. Als Dauer-WG-Bewohnerin, habe ich einige E-Mails von WG-Zimmer-Interessent*innen begutachten d\u00fcrfen und diese Literaturgattung ist mir durchaus bekannt. Noch ein paar Zeilen dar\u00fcber was ich mag und woran ich mich in einer WG beteiligen w\u00fcrde (unter Zwang fast alles) und ich werde tats\u00e4chlich zum Online-Dating eingeladen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Online-Casting kann man leicht zwischen dem Ausprobieren eines neuen Rezepts und eines Telefonats mit der Mutter schieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den K\u00e4stchen der Onlineplattform sind um die 6 Menschen, die sich Einzeln vorstellen und die Begebenheiten des Hauses beschreiben. Wo steht denn dieses Haus? Denn abgesehen von der S. 62 kann ich mir kein Hausprojekt in Kreuzberg vorstellen, das sich \u00fcber mehrere halbwegs gr\u00fcne Hinterh\u00f6fe ausstreckt, und einen Gemeinschaftsraum sowie eine Werkstatt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Leute in den K\u00e4stchen sind angenehm. Sie sind ruhig und versuchen nicht dazustellen, dass sie hyper Cool oder selbst-reflektiert sind. Links oben sind zwei, die \u00e4lter sind als ich, in der Mitte ein Junge im Rollstuhl und ein paar nicht Deutschmuttlersprachler*innen und rechts unten eine, die ihren K\u00e4stchen mit Rauchwolken ausf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich erz\u00e4hle \u00fcber mich w\u00e4hrend und vor Corona und ich gehe meinen Kuchen essen. Meine Mutter -oder war es meine Schwester? &#8211; rufe ich nicht mehr an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die K\u00e4stchenmenschen hatten gesagt, dass ich mich noch mal melden k\u00f6nnte, falls ich noch Fragen h\u00e4tte. Und in der Tat, nachdem ich die geheime Information erhalten hatte, dass diese WG sich in der S. 62 befindet, hatte ich eine Frage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eK\u00f6nnte es sein, dass das Haus in den n\u00e4chsten Jahren verkauft wird? \u201e<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich interessiere mich n\u00e4mlich f\u00fcr Eigent\u00fcmerwechsel und dem Mapping des Verm\u00f6gens von Immobilienkonzern in Berlin. Vor allem, wenn ein Haus verkauft wird, in dem seit \u00fcber vierzig Jahren ok Mietverh\u00e4ltnisse existieren, Generationen von Wohngemeinschaften ihr Zusammenleben gestaltet und \u00fcberlebt haben und einen Raum f\u00fcr alle offen halten. Dann werden bei dem Eigent\u00fcmerwechsel wohl keine besseren Wohnbedingungen angeboten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Nachfrage, erkl\u00e4rt eine aus der WG, dass man tats\u00e4chlich nicht wisse wie das werden w\u00fcrde, da der derzeitige Eigent\u00fcmer schon vor ein paar Jahren verkaufen wollte. Er hatte sich aber gegen ein Kaufangebot der Hausgemeinschaft gewehrt. Das sei ein Besetzungsversuch durch die Hintert\u00fcr, meinte er! Besetzer*innen lassen sich heutzutage alles einfallen und wollen gar Eigent\u00fcmer werden!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die WG-Bewohner*innen m\u00f6chten mich aber sehr gerne zum Kennenlernen in der Wohnung einladen. Die Nachricht gibt mir genug Selbstbewusstsein um einer meiner derzeitigen Mitbewohner zu sagen, dass es mir richtig auf den Senkel geht, dass es nie das Bad putzen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An einem dieser dunklen Dezembernachmittage, mache ich mich also zum Kottbussertor nach Kreuzberg zur S. 62. Vor dem Eingangstor unten h\u00f6rt mich Niemand klingeln. Ich warte in der stillen Stra\u00dfe bis Jemanden reinkommt den ich folgen kann. F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter kann ich tats\u00e4chlich durch das gro\u00dfe Tor. Im Hinterhof sieht es gar nicht so aus, wie ich es in der Erinnerung habe und ich gehe wieder nach drau\u00dfen um zu verifizieren, ob ich an der richtigen Hausnummer bin. Aber klar, bin ich, alles andere w\u00e4re seltsam. Ich gehe wieder rein und erinnere mich, dass das Haus zwei Hinterh\u00f6fe hat. Ich erreiche das Hinter-Hinterhof, gehe schnurstracks auf den Eingang zu, entweiche eine Bewohnerin, die mich begr\u00fc\u00dft und gehe hoch bis zum f\u00fcnften Stock. Da auch antwortet mich Niemanden. Ich gucke, ob die T\u00fcr gegen\u00fcber auch auf eine WG hindeutet und ob ich wirklich im f\u00fcnften Stock bin, klingle nochmal und Jemanden den ich noch nie gesehen habe, macht mir auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich werde durch einen langen breiten Flur in den Wohnzimmer gelotst, riesig, so gro\u00df, dass es nicht m\u00f6glich ist ihn mit dem Blick zu erfassen. Ich begr\u00fc\u00dfe die Anwesenden, manche erinnern mich an die K\u00e4stchen der Onlineplattform, und erz\u00e4hle, dass ich unten ein bisschen gewartet habe. Die freundlichen Menschen erz\u00e4hlen, dass sie nicht immer die klingel h\u00f6ren, bis sie mir zu verstehen geben, dass sie den Klingelton vor zwei Stunden erwartet hatten. Oh! Es tut mir leid, was machen wir jetzt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist f\u00fcr sie bl\u00f6d, weil sie ein ausgekl\u00fcgeltes Schichtsystem haben, bei dem dreier Gruppen mit dem Besucher*in in unterschiedlichen R\u00e4umen sind. Irgendwie schaffen sie es die Gruppen so rotieren zu lassen, dass ich nicht mit einem der anderen Bewerber*innen sein muss und wir gehen zun\u00e4chst in den Gesamtgemeinschaftsraum im Vorderhaus. Alles hier ist so vertraut. Ich frage mich, ob ich schon bei einer Veranstaltung auf genau dieses Sofa gesessen bin. Wir reden ein bisschen \u00fcber das Haus und die WG Organisation. Zusammen essen, wenn man es m\u00f6chte, f\u00fcr alle einkaufen, ank\u00fcndigen, wenn man lange baden m\u00f6chte, sitzen und reden, wenn man sitzen und reden m\u00f6chte\u2026 Danach habe ich einen Termin ins WG-Wohnzimmers. Ich setze mich in der samtblau-Sofaecke und diskutiere mit dem dortigen Team \u00fcber den Umgang bei Meinungsverschiedenheiten und Streits. Ein Thema womit ich mich gut auskenne! Dann gehe ich in die Tischlerwerkstatt und hier reden wir \u00fcber die Welt au\u00dferhalb des Hauses: die Lohnarbeit. Derjenige, der aufgrund seiner k\u00f6rperlicher Behinderung Assistent*innen hat, ist dabei einen Tarifvertrag f\u00fcr sie auszuhandeln. Die Welt aus dem Kopf. Er als Arbeitgeber, muss seine Arbeitnehmer*innen mobilisieren, damit sie in der Tarifkommission mitmachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles in allem, sind alle richtig nett.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abends projiziere ich mich in die n\u00e4chsten Monaten und merke, dass es ganz OK ist Zeit zu haben auch wenn man nichts sinnvolles aus dieser Zeit macht und vor allem, wenn man nichts richtig anstrengendes machen muss, wie z.B. umzuziehen. Fairerweise schreibe ich der zeitlosen WG aus der S.62, dass ich derzeit nicht w\u00fcsste, was ich wolle. Es sei meines Umgangs mit den unbegrenzten M\u00f6glichkeiten des Coronawinters geschuldet und dass ich mich aber, mit deren Einverst\u00e4ndnis, auf das n\u00e4chste frei werdende Zimmer bewerben w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und schon kommen zwei E-mails, dass es sehr schade sei, dass sie sich einstimmig darauf gefreut h\u00e4tten mit mir zu wohnen und dass ich mich im Coronasommer auf ein Zimmer erneut vorstellen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist schon selten im Leben, au\u00dfer im Lebensmitteldiscounter, dass man mehr M\u00f6glichkeiten hat, als man ausw\u00e4hlen kann. Mit diesem Gef\u00fchl sprach ich mit einem Freund ein paar Tage sp\u00e4ter. Frank meinte, dass ich nach meinen Beweggr\u00fcnden f\u00fcr meine Tiefenanalyse von WG-Anzeigen suchen sollte aber auch, dass eine seiner Mitbewohnerinnen geh\u00f6rt hatte, dass die S. 62 verkauft wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eVerkauft? Nicht so viel ich wei\u00df. Der Eigent\u00fcmer hat ein Kaufangebot abgelehnt. Ich war dort vor einer Woche und da war das Haus nicht verkauft. Man wird doch nicht ein Haus kaum eine Woche vor Weihnachten verkaufen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDoch, das macht man\u201c. Seine Mitbewohnerin soll Leute kennen, die das wissen, aber wirklich wisse er das auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es schien so enorm zu sein. Ich sollte \u00fcber eine Information verf\u00fcgen, die die Bewohner*innen nicht haben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da hatte ich nochmal der WG was zu fragen und in der Tat nach ein paar Tagen kam die Antwort, dass die Hausgemeinschaft gerade vom Kauf in Kenntnis gesetzt wurde. Zum Gl\u00fcck h\u00e4tten sie die Feiertage um die Nachricht zu verarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Marta und Danny, Jane und Ahmed, Anna und Annika, Bernd und all die anderen, Rob aus dem Fl\u00fcchtlingsverein, Beate aus der Kiezgruppe, Marcel von den Demo-Sanit\u00e4tern und diejenigen, die seit zwanzig Jahren dort leben und die, die den Gemeinschaftsraum nutzen. Alle. Sind in diesem Zwischenzustand in dem man nicht wei\u00df wie es weiter geht. Und wie es weiter gehen soll, steht bereits fest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin jetzt wie viele andere eine von denen und Niemand wird es leicht haben die verwinkelten Wohnungen und dem Streben nach selbstbestimmten Leben in mini-appartments f\u00fcr mini-Leben umzuwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und \u00fcbrigens wenn diese Geschichte ver\u00f6ffentlicht wird, werde ich im zweiten Hinterhof sitzen oder tanzen. Je nach dem.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mensch sagt, dass man sich im Corona-Winter einrichtet. Neben der Arbeit kann man Kuchenbacken, neue Serien entdecken, Familien-skype-abende gestalten, an Zoom-Sportstunden teilnehmen, sich auf einer Datingseite anmelden, eine Sprache auf der Duolingo App lernen, den Keller entr\u00fcmpeln, Online-Feierabendbiere trinken, Kochsendungen anschauen, und wie ich, Wohnungsanzeigen lesen. 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