{"id":38,"date":"2025-11-16T15:26:16","date_gmt":"2025-11-16T15:26:16","guid":{"rendered":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=38"},"modified":"2025-12-02T18:56:08","modified_gmt":"2025-12-02T18:56:08","slug":"eine-solotaenzerin-auf-dem-asphalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=38","title":{"rendered":"Eine Solot\u00e4nzerin auf dem Asphalt"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem Jahr 2019<\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt bewege ich mich grunds\u00e4tzlich mit dem Fahrrad. Ein altmodisches Analogmodel, wo man ordentlich auf die Pedale dr\u00fccken muss. Mein Fahrrad hat hinten einen Korb, um Eink\u00e4ufe bet\u00e4tigen zu k\u00f6nnen, aber vorne eine gelbe Blume am Lenker, damit ich es in der Menge der parkenden Fahrr\u00e4der wieder finden kann. Es ist sehr n\u00fctzlich, wirklich. Stellt euch vor, ihr habt gerade euren Fahrrad vor dem Supermarkt geparkt, da wo noch Platz war, im Supermarkt habt ihr vierzig Minuten verbracht, weil ihr den Essig gesucht habt, auf der Suche ganz viele Sonderangebote bewundert habt, und an der Kasse jemand ein Smartguthaben zur\u00fcckgeben wollte, weil es nicht so smart war, aber Zur\u00fcckgeben ging nicht. Ihr kommt aus dem Supermarkt und steht vor einem Meer schwarzer Fahrr\u00e4der bis zum Horizont. W\u00fcrdet ihr noch wissen, wo genau euer Gef\u00e4hrt steht? Ich brauche nur einen Blick nach rechts und nach links und schon sehe ich die gelbe Blume in der Menge leuchten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In St\u00e4dten braucht man Tricks und \u00dcberlebenswillen. Manchmal auch den Drang zur Sabotage.<br>Wenn ich vormittags zur Arbeit fahre, schl\u00e4ngle ich mich zun\u00e4chst zwischen den Autos hindurch. Mist, ich habe schon wieder mein Helm vergessen! Wenn ich die Fahrradspur erreicht habe, reihe ich mich hinter den flitzenden R\u00e4dern ein. Meine Bremsen funktionieren gut und ich kann m\u00fchelos ein paar Fu\u00dfg\u00e4nger<em>innen, zerbrochenen Flaschen vom letzten Karneval der Kulturen und herum liegenden Mietr\u00e4dern ausweichen. Andere Fahrradfahrer<\/em>innen \u00fcberholen mich und verschwinden in die Ferne. Es ist Sommer, es ist hei\u00df, es sind noch mehr Fahrr\u00e4der als sonst aber nicht weniger Autos, Mofas, LKWs, Rikschas und sonstige Fortbewegungsmittel. Ich entschleunige kurz, denn vorne schreit eine Fahrradfahrerin einen LKW-Fahrer an. Sie ist rot und w\u00fctend. Ein weiterer Fahrradfahrer kehrt um, um auch den LKW anzuschreien. Man muss es ihm zeigen!<br>Wenn ich bei der Arbeit ankomme, sind alle Fahrradstangen schon belegt, ein paar beschissene Mietr\u00e4der sind seit Tagen dort befestigt. Ich arbeite bei einer gro\u00dfen Institution mit Sicherheitsschutz, also tue ich so als ob mich die Anwesenheit der Mietr\u00e4der meine Zerst\u00f6rungslust nicht entfachen w\u00fcrde. Ich wei\u00df eh, dass es um die Uhrzeit eine freie Laterne um die Ecke gibt.<br>Nach der Arbeit ist es vor der Arztpraxis das gleiche Szenario. Zwei Urrah-R\u00e4der, rot leuchtend sch\u00f6n s\u00e4uberlich an den Stangen befestigt. Sie sind so protzig, dass sie den Platz von vier R\u00e4dern in Anspruch nehmen. Sie verh\u00f6hnen mich. Ich befestige mein Fahrrad an einem der Produkte dieser widerlichen Firma. Ein Blick nach links, ein Blick nach rechts und ich steche den Schlauch eines Uber-Rads mit einer Pinnnadel, die ich dabei habe. Ich habe einen Freund, der meint, diese Firmenr\u00e4der seien nicht die wirklichen Feinde und er ist ganz emp\u00f6rt \u00fcber meinen Kreuzzug. Andere Freunde finden das ganz gut. Einer hat Kabelbinder und einen Hund, der sich sehr gern in der N\u00e4he der bunten e-bikes erleichtert.<br>Was werden wir aber machen, wenn die E-Roller kommen? Nun sind die E-Roller gekommen und wir konnten nichts machen. Bulldozersicher sind sie gebaut worden.<br>Kurz davor waren es die e-Skooters. Davor sind kaum Skooters in Berlin gesichtet worden. Jetzt rattern sie meine Stra\u00dfe hoch und runter. Pflastersteine st\u00f6ren sie nicht und ich habe Lust sie mit eben solchen Steinen zu bewerfen.<br>Zwischen den Rollern, Autos, LKWs, Skooters, Fahrr\u00e4dern, Rollschuhe, sind die Minibusse der Berliner Verkehrsbetriebe. In vielen L\u00e4ndern sind \u00f6ffentliche Verkehrsbetriebe quasi inexistent, manchmal \u00fcbernehmen Motorradfahrer die Kurzstrecken, andere Male sind es Fahrrad oder Menschen getriebenen Rikshas, Gro\u00dfraumautos, Minibusse\u2026<br>Hier haben scheinbar die \u00f6ffentlichen Verkehrsbetriebe entschieden, dass sie ein bisschen mehr diesen L\u00e4nder \u00e4hneln sollten. Anstatt den Verkehr mit Bussen, Stra\u00dfenbahnen oder \u00e4hnlichem auszubauen, wurden bunte Gro\u00dfraumautos eingef\u00fchrt. Aber Achtung, die kann man per App bestellen! Deshalb ist es gaaanz anders, viel mehr angepasst an den Bedarf einer modernen Gro\u00dfstadt. Es geht darum \u201eVerkehrsl\u00fccken\u201c zu schlie\u00dfen. Doch, doch, es gibt L\u00fccken im Verkehr. Auf jedenfalls in den Innenbezirken, wo U-Bahnen in drei- und Busse in F\u00fcnfminutentakt fahren. Dazwischen gibt es zahlreiche L\u00fccken, denn in der Tat, im Stadtzentrum, parken diese Taxis in den L\u00fccken zwischen den Fahrr\u00e4dern und laden aus und ein.<br>Das alles ist jedoch nicht permanent in Bewegung, es muss auch mal ruhen. Am meisten Platz nehmen dabei die Autos. In meiner Stra\u00dfe scheinen manche am liebsten vor unserer Ein- und ausfahrt zu parken. Im Haus hat keine\/r ein Auto, also k\u00f6nnte es uns egal sein. Die blockierte Ausfahrt bringt aber kleine Unannehmlichkeiten des Stadtlebens mit sich, wie M\u00fclltonnen, die nicht geleert werden, und eine gesperrte Feuerwehrzufahrt bei Unf\u00e4llen. Drei Monate lang, habe ich einen drei-Stufen-Plan durchgef\u00fchrt.<br>Stufe eins \u2013 oder die p\u00e4dagogische Stufe: ein Schild an den Autos anbringen mit der h\u00f6flichen Anmerkung, dass sie in eine Zufahrt parken, dass dadurch oben genannte Probleme entstehen und die bitte woanders zu parken.<br>Stufe zwei \u2013 oder die Berliner Stufe: Ein Schild mit dem Hinweis \u201eHier ist eine Zufahrt, fahren sie weg oder wir rufen das Ordnungsamt an!\u201c (oder die Polizei je nach dem). Das gro\u00dfe gespr\u00fchte Parkverbotszeichen vor der T\u00fcr war auch teil dieser Stufe.<br>Schlie\u00dflich Stufe drei \u2013 die militante Stufe: entsprechende Sticker auf die Autospiegel kleben und ab und zu einparkende Autofahrer verbal bedrohen. Die nicht geleerten M\u00fclltonnen haben wir jedoch nicht auf die Motorhaube geworfen.<br>Wenn nichts hilft, und man keine Lust hat die Polizei, die ohnehin nichts tun w\u00fcrde, anzurufen, hofft man auf eine h\u00f6here Kraft. Sie kam eines Tages in ihrer urbanen Form: als angestellten des Ordnungsamts, die auf den B\u00fcrgersteig fahrende R\u00e4der um 10 Euro erpressten.<br>In der Hoffnung sie von ihrer Mission abzulehnen ging ich auf sie zu und fragte, ob sie auch die Autos vor unserer Zufahrt verschleppen w\u00fcrden. \u201eJa sagte der eine\u201c, \u201ees h\u00e4ngt davon ab\u201c meinte die andere. \u201eToll was soll ich denn machen?\u201c \u201eHier ist die Visitenkarte des Ordnungsamts Neuk\u00f6lln, wenn sie mit ihrem Auto nicht rein k\u00f6nnen, rufen sie diese Nummer an.\u201c \u201eWie ist denn ihre Zufahrt, parken Autos bei ihnen im Hof?\u201c \u201eEs parken keine Autos, aber die M\u00fclltonnen, die Feuerwehr, die k\u00f6nnen nicht rein, es ist ein Problem, oder?\u201c \u201eIn diesem Fall sind wir nicht zust\u00e4ndig.\u201c \u201eEs muss doch was m\u00f6glich sein oder, es kann nicht erlaubt sein, es ist ein Problem, stellen sie sich vor\u2026.\u201c. \u201eIn diesem Fall k\u00f6nnen sie die Polizei anrufen, in Vorkasse f\u00fcr das Abschleppen gehen und dann dem Autobesitzer die Rechnung schicken\u201c.<br>Es hilfst nichts. Keine Tricks, keine Sabotage, kein Dreiphasen-Plan, kein Kaiser noch Tribun. Zumindest nicht als Einzelg\u00e4ngerin in der Stadt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Jahr 2019 In der Stadt bewege ich mich grunds\u00e4tzlich mit dem Fahrrad. Ein altmodisches Analogmodel, wo man ordentlich auf die Pedale dr\u00fccken muss. Mein Fahrrad hat hinten einen Korb, um Eink\u00e4ufe bet\u00e4tigen zu k\u00f6nnen, aber vorne eine gelbe Blume am Lenker, damit ich es in der Menge der parkenden Fahrr\u00e4der wieder finden kann. 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