{"id":45,"date":"2025-11-16T15:36:02","date_gmt":"2025-11-16T15:36:02","guid":{"rendered":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=45"},"modified":"2025-12-02T18:55:44","modified_gmt":"2025-12-02T18:55:44","slug":"haie-an-der-bucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadt.noblogs.org\/?p=45","title":{"rendered":"Haie an der Bucht"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem Jahr 2019<\/p>\n\n\n\n<p>Samstag in Juli am fr\u00fchen Abend. Wolken am Himmel, Regen in der Luft.<br>Eigentlich wollten wir an den See zum Schwimmen; nun ist es die perfekte Gelegenheit zur Rummelsburgerbucht zu fahren. Wir wollen nicht an der Bucht schwimmen &#8211; manche behaupten es sei m\u00f6glich &#8211; sondern zu einer Soliparty. F\u00fcr Neuk\u00f6llner ist die Rummelsburgerbucht eine ferne Insel, die man selten bereist und deren Sitten wir nicht kennen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vor zwei Monaten wurde dort ein St\u00fcck Land besetzt, so viel wissen wir, das wissen Viele sogar, aber vielmehr wissen wir nicht. Wie auch immer heutzutage wird sehr selten erfolgreich besetzt und mysteri\u00f6ser ist auch noch, dass ein St\u00fcck Land besetzt wurde. Ein Haus, eine Wohnung ok. Aber eine Brachfl\u00e4che? K\u00fcmmert es irgendjemand, dass eine Brachfl\u00e4che \u00f6stlich von Ostkreuz nicht mehr ganz brach liegt? Die Wagenburg \u2013 das kleine Wohnwagendorf das dort aufgebaut wurde &#8211; hei\u00dft Widerstrand. Widerstand an dem Strand der Rummelsburgerbucht f\u00fcr diejenigen die das nicht sofort verstanden h\u00e4tten \u2013 Widerstand durch ihre Anwesenheit, Widerstand gegen die Bebauung, Privatisierung und Zubetonierung der Bucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls klingt es cool, eine Freifl\u00e4che-Soliparty an der Bucht. Nichts schickes, nichts hippes aber geheimnisvolles. Also ab zum Strand!<br>Als wir das Tor der Halbinsel Stralau betreten, n\u00e4mlich den S-Bahntunnel, sehen wir eine riesige Baustelle. Graue Betonw\u00fcrfel dieser hervorragenden zeitgen\u00f6ssischen Berliner Architektur ragen empor.<br>Auch hier neben der S-Bahn wird gebaut, eng, viel, hoch und teuer. Es wird auf jeden Fall teuer vermietet und verkauft. Gleich hinter der Baustelle ist aber der kleine gr\u00fcne Weg der zur Bucht f\u00fchrt.<br>Es f\u00e4ngt zwar zu regnen an, aber dort sind wir in einer anderen Welt, wuschelig und sandig mit kleinen Strandbarh\u00fctten, eine Wagenburg und auf der anderen Seite des Pfades, das Wasser der Bucht.<br>Wir fahren an einem Sandstrand vorbei. Zwischen den Regentropfen sehe ich einen Holztresen mit Zinkdach, weiter davon eine Plastikplane. Wir halten an. Ein Dutzend Leute sitzen unter der Plane auf Holzpaletten.<br>\u201eHallo, ist hier die Soliparty?\u201c<br>\u201eJa, aber haben wir wegen dem Regen abgesagt\u201c.<br>\u201eAm Tresen ist noch Wein und Bier, wenn ihr wollt\u201c. \u201eDort ist auch eine Spendendose\u201c. \u201eIhre k\u00f6nnt euch gerne zu uns setzen\u201c.<br>Wir kehren zu dem \u00fcberdachten Holztresen zur\u00fcck, finden unser Gl\u00fcck und gesellen uns zu den Kolleg<em>innen unter der Plane. Wir sitzen ganz eng aneinander auf der Holzunterlage, die schon voller Sand ist. Gleich kommen wir ins Gespr\u00e4ch \u00fcber die ins Wasser gefallene Party, dem Wagendorf und den Immobilieninvestitionen. Etwa 15 Leute haben hier ihre Bullis und Wohnw\u00e4gen niedergelassen. Nat\u00fcrlich wissen sie, dass sie dort auf gestohlene Zeit leben. Es lohnt sich f\u00fcr sie trotzdem, sich diese Zeit zu nehmen, etwas aufzubauen und die Baupl\u00e4ne etwas anzuhalten. Sie haben sich daf\u00fcr entschieden die Fl\u00e4che in zwei zu teilen. Ein Teil f\u00fcrs Wohnen und ein Teil f\u00fcr Freizeitsaktivit\u00e4ten. Privat und \u00d6ffentlich sind von einem Zaun aus Baugittern und Brettern getrennt. Das St\u00fcck Land, auf dem wir uns befinden ist, klar, der \u00f6ffentliche Bereich. Mit Aussicht auf das graue Wasser der Bucht, bitte! Vorne am Weg entlang ist ein Aufsteller, auf dem man aufschreiben soll, was man organisieren m\u00f6chte. Das derzeitige Freizeitprogramm: Kino und grillen. Martin, um die drei\u00dfig, ein Bier in der Hand, erkl\u00e4rt uns, dass er davor in seinem Minibus am Stra\u00dfenrand gelebt hat. An der Kante wie man sch\u00f6n sagt. Und dass es schon sch\u00f6ner ist, sich gemeinsam zu organisieren, das ist auch besser, wenn es darum geht eine Toilette zu haben. Fr\u00fcher ist er immer mit seiner Schaufel in den Park gegangen. Und das Bauprojekt? Die Lofts, die auf dem Sand errichtet werden sollen? \u201eEs werden nicht nur Schlafbuden aus marmor-\u00e4hnlichen Stein entstehen, auch eine Coral World: das gr\u00f6\u00dfte aller gr\u00f6\u00dften Aquarien, mit Haien\u201c. Und so schlie\u00dft sich der Kreis der Investorenwelt. Die Wagenburg hat Besuch von der Polizei bekommen, erz\u00e4hlt Martin weiter, aber es ist nichts passiert. Es sieht n\u00e4mlich so aus, dass der R\u00e4umungsbefehl erst nach dem Sommer kommen wird, wenn Padovicz &amp; co. rechtskr\u00e4ftige Eigent\u00fcmer werden, und erwartungsgem\u00e4\u00df eine sogenannte R\u00e4umungsklage stellen. Derzeit geh\u00f6rt die Fl\u00e4che dem Land Berlin und sie warten, dass andere die R\u00e4umung beantragen. Sie werden sich bis dahin die H\u00e4nde nicht schmutziger machen als sie eh schon sind und seit dem ungebetenen Besuch ist nichts mehr passiert. Martin meint, dass das Wagendorf die R\u00e4umung hinausz\u00f6gern k\u00f6nnte, in dem sie auf ein Wohnrecht pochen, da sie dann faktisch seit mehreren Monaten an der Bucht wohnen. Na ja\u2026 Aber das Beste w\u00e4re es, wenn die bereits bestehende Vernetzung der Wagenpl\u00e4tze und Kritischen Bewohner<\/em>innen, weitere Besetzungen an der Bucht unterst\u00fctzen w\u00fcrde, f\u00fcgt er hinzu.<br>Irgendwie haben die Wagenburgkumpels Kontakt zu der Anwohnerinitiative, die sich gegen das Bauprojekt gegr\u00fcndet hat. Die Anwohner<em>innen haben darauf aufmerksam gemacht, dass sie an der Stelle von Luxuswohnungen gerne eine Kita und Sozialbauwohnungen h\u00e4tten und sogar gerne ein paar Freifl\u00e4chen behalten w\u00fcrden. Ein Bruchteil davon w\u00fcrden sie bekommen, meinten Bezirkspolitiker<\/em>innen. Wie und warum das Bauprojekt \u00fcberhaupt genehmigt wurde, daran konnte sich keiner von ihnen erinnern.<br>Trotzdem klingt es nicht, als ob sich alle unter dem Aufruf \u201ebesetzt die Bucht!\u201c versammeln w\u00fcrden.<br>In der Zwischenzeit regnet es richtig, aber es ist gem\u00fctlich hier. Am Tresen ist sogar zu essen, super lecker in Plastik verpackte Bio-Wraps. Anscheinend ist in der N\u00e4he ein ganz guter Supermarkt mit vollen Containern.<br>Pl\u00f6tzlich, zwischen den Regentropfen, erscheint der Karim und torkelt auf uns zu.<br>\u201eDa seid ihr! Haha, der Widerstrand ist das? Nebenan ist ein Wagenplatz mit osteurop\u00e4ischen Punkern, ich hab sie gefragt, seid ihr der Widerstrand? Ja, ja, Widerstrand und ich habe mit ihnen Bier getrunken, aber ihr wart nicht da, wir haben weiter getrunken und ich habe gefragt habt ihr Rebekka und Pierre gesehen und nee. Was gibt es hier zu trinken?\u201c<br>Ich hole eine Flasche Wei\u00dfwein vom Tresen, wandere zur Plastikplane zur\u00fcck und setze mich noch enger an die anderen, weil der Regen anf\u00e4ngt von den Seiten rein zu kommen. Zwischen den Regentropfen kommt ein Typ angelaufen, fragt nach der Soliparty und setzt sich hin.<br>Er ist der Philipp, sagt er, er kommt von einer Seebr\u00fccke-Demo. Nicht f\u00fcr das Wasser der Bucht oder der Glask\u00e4sten einer phantastischer Coral World. F\u00fcr gefl\u00fcchtete kann Meereswasser der Weg in eine andere Welt sein, oder das Ende der Reise.<br>Die Seebr\u00fccke, die Organisation, die gefl\u00fcchteten auf dem Meer rettet, wird kriminalisiert. Also fand heute eine Demonstration dagegen statt. Sie soll gro\u00df gewesen sein. Und Philipp erz\u00e4hlt.<br>Jetzt sind unsere Holzpaletten nass. Karim fragt, ob wir in eine Kneipe m\u00f6chten und wir fragen Philipp, ob er mit uns in eine Kneipe m\u00f6chte. Ja er m\u00f6chte gerne und kennt eine sehr nette, auf dem Festland auf der anderen Seite der S-Bahn-Br\u00fccke. Und so haben wir die Nacht in einer Kneipe deren W\u00e4nde das Nikotin von hundert Jahren aufgesaugt hatte, in netter Gesellschaft verbracht.<br>Inzwischen sind die zwei Wagenpl\u00e4tze, der mit Karims Punkern und der mit der \u00f6ffentlichen Freizeitfl\u00e4che, nat\u00fcrlich wegger\u00e4umt worden. Ein breiter Widerstand gab es dagegen nicht, wenn auch die Bewohner<em>innen alles versucht haben. Heute, nicht mal in den Tiefen des WorldWideWeb, findet man eine Spur des Widerstrands. Ich bilde mir aber ein, dass ich von Martin geh\u00f6rt habe. Heute fr\u00fch wurde eine Brachfl\u00e4che in Lichtenberg besetzt, sie haben eine Tafel, die Anwohner<\/em>innen dazu einl\u00e4dt, sich mit ihren neuen Nachbar*innen zusammen zu tun.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Jahr 2019 Samstag in Juli am fr\u00fchen Abend. Wolken am Himmel, Regen in der Luft.Eigentlich wollten wir an den See zum Schwimmen; nun ist es die perfekte Gelegenheit zur Rummelsburgerbucht zu fahren. Wir wollen nicht an der Bucht schwimmen &#8211; manche behaupten es sei m\u00f6glich &#8211; sondern zu einer Soliparty. 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