Aus dem Jahr 2025
Seit zwei Jahren herrscht in meinem Berlin einen wütenden Konflikt.
Habt ihr schon eine Auseinandersetzung erlebt, bei der es schon lange nicht darum geht, was gesagt wird? Bestimmt.
Und eine worüber ihr Angst habt darüber zu reden?
Dieser Konflikt, diese Fehde, hat fast alle erfasst und findet in allen politischen Situationen statt, die in der öffentlichen wie in der privaten Sphäre ausgetragen werden. Während ich darüber schreibe, ergreift mir die Befürchtung, dass Lesende wütend werden – ist mir sonst egal – mich einer Seite zurechnen oder gar keiner, was mittlerweile noch schlimmer ist.
Freund*innen reden nicht mehr miteinander, Gruppen bei denen nicht wirklich geredet wurde, haben sich gespalten, Häuser wurden angegriffen, Geschäfte haben Kund*innen verloren, Menschen werden verprügelt, verhaftet, abgewiesen. Morddrohungen werden verfasst.
Aber nun zur Geschichte, die beiseite gesagt, nicht besonders dramatisch ist.
An diesem Samstag ist es Party! Ein Straßenfest: Es gibt Bier- und Essensstände, Infostände, eine offene Fahrradwerkstatt, Aktivitäten für Kinder und viele Konzerte!
Dieses Jahr bin ich von der Crew, die das Fest organisiert. Monate lang haben wir Pläne geschrieben, Bands angefragt, Bühne, Zapfanlagen, Toiletten gemietet, Sanitäter*innen organisiert, Getränke gekauft, Plakate gedruckt und geklebt, Nachbar*innen informiert…Wir haben viele Gruppen für Infostände eingeladen: zu ökologischen, feministischen Themen, zur Militarisierung, Faschismus, Rassismus, Lohnarbeit, Repression. Die Straße ist bunt, die Anwohner*innen sind fröhlich und ein paar Nachbar*innen grillen sogar vor deren Haus. Kurzum die Sonne scheint im wahrsten wie im übertragen Sinne.
Doch am Horizont wehen zwei Flaggen.
Eine Westsahara und eine Palästinaflagge um genauer zu sein. Ein paar von uns aus der Orga-Crew tauschen sich aus: „Konsens beim Fest war immer keine Nationalflaggen, wir müssen was sagen,“. Das Fest ist ein Kiezfest und, wenn auch politisch, es sollte sich nicht auf Staaten bezogen werden. Die meisten von uns denken bestimmt, dass Nationalstaaten an sich teil des Problems sind, aber es geht auch um Konfliktvermeidung. Also gehen wir auf die Stände zu. Die Leute kennen uns schon lange aber wir erläutern die Policy des Festes und bitten darum die Flaggen weg zu nehmen. Der Westsaharastand protestiert vehement, ich werde als reaktionär beschimpft, weil es keine Nationalflagge ist, sondern eine (National-)befreiungsflagge! Die Leute vom anderen Stand, die auch in den vergangenen Jahren beim Straßenfesten anwesend waren, sagen glücklicherweise nichts und nehmen die Flagge ab, während die Westsahara Aktivist*innen die Flagge um ihren langen Mast wickeln.
Ein halbe Stunde später, sehe ich Toni ziemlich aufgelöst. Die Palästinaflagge sei wieder aufgehängt worden und er sei angeschrien worden als er erneut darum bat sie weg zunehmen. Ich habe Schwierigkeiten es mir vorzustellen, da die Leute vom Stand die Flagge schnell und kommentarlos abgenommen hatten. Toni sagt mit einer zitternden Stimme, dass er sich nicht trauen würde wieder hinzugehen. Unser Ordner – Sadeck – schaut uns mit traurigen Augen an. Er fühlt sich nicht wohl in solchen Situationen, sagt er. Na gut, dann nehme ich Lina mit und präzisiere, dass wir nett reden sollten, damit die Situation nicht eskaliert. Am Stand ist eine neue Person anwesend. Laute Schreie: „Es ist keine Nationalflagge, wir werden sie nicht abnehmen. Wen glaubt ihr, das ihr seid, ihr seid keine Linken!“ Na gut ich werde exkommuniziert. Ich: „Es wäre nett, wenn…“ „Scheiß Weiße, halt die Fresse, es ist wegen Leute wie Du, dass es ein Genozide gibt!“ Bedrohungen, was mit uns passieren wird, wenn wir noch einen Schritt machen, folgen und der Rest ist Rauch in meinem Gehirn. Ich gehe weg, während sich eine Gruppe um den Stand versammelt. Ich höre noch wie Martin auf das lauthals wiederholte „Halt die Fresse, es ist keine Nationalflagge!“ antwortet, dass einige Staaten Palästina anerkannt haben. Es ist wirklich nicht der Moment politische Diskussionen zu führen, denke ich.
Wir lassen beide Flaggen in Ruhe, denn an diesem Tag ist ein Fest ohne Konflikt am Wichtigsten.
Hätten wir anders handeln sollen? Unsere Meinung ändern und akzeptieren, dass manche Flaggen eine andere Bedeutung haben? Doch, wo die Grenze ziehen? Und es tut weh, wenn mensch für Befreiung jenseits von Nationalstaaten ist. Sagen, dass sie gerne Poster gegen den Genozid in Gaza aufstellen können, jedoch keine Flagge? Doch es hätte vermutlich nichts gebracht. In einer Zeit, wo Menschen, die gegen Kriegsmassakern sind, mit Antisemitismus und Islamismus bezichtigt werden, wo andere, die sich gegen Antisemitismus positionieren, als weiße Mittäter*innen gedeutet werden, wo Nationalstaaten Kriege gegen Gebiete führen, die keine Staaten sind, sind leider Annäherungen, gar Auseinandersetzungen nicht mehr möglich. Hatte es sich schon während der Coronapandemie abgezeichnet, als sog. Schwurbler*innen und vermeintliche Freiheitsgegner*innen sich gegenseitig beschimpften? „Wir impfen euch alle“, „Impfdiktatur“, und andere Subtilitäten schallten schon regelmäßig durch die Echozimmer des Netzes.
Dies geschieht in Berlin. Wie machen Palästiner*innen und Israeli von z.B. Standing Together, um miteinander zu reden? Sie haben schließlich ein bisschen schwerer, oder?
Doch mich hat ein Kollege angesprochen, der während dem Schlagabtausch auf dem Fest, Partei gegen uns ergriffen hatte. Er möchte mit mir reden. Auch, wenn einige aus der Orgagruppe wenig Sinn darin sehen, bin ich ihm dankbar. Wir müssen reden.
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