Von Sitten, Namen, Flyer und Nachbarn.

Aus dem Jahr 2021

Ich bin alt. In dieser Stadt gelte ich als Greisin, in meiner Straße, neben dem Hermannplatz, bin ich aber nicht die älteste. Viele hier hätten bestimmt einiges über diese Gegend zu erzählen, sei es der Inhaber des einzigen übriggebliebenen Späti oder die Dame, die ein Kissen am Fensterbrett hat, damit sie beim Beäugen der Polizeieinsätze länger ausharren kann. Ich bilde mir auch ein, ich wüsste was über die dortigen Sitten und meine Haus- und Straßengeschichte. Und wie jede gute Berliner Kiezgeschichte hat sie auch mit Nachbarn und Flyern zu tun.

Ich wohne in einem Haus, das mindestens zwei Mal so alt ist wie ich. Auch wenn es nicht das hübscheste Haus ist, hat es einiges zu bieten: es ist ein gutes Ventil.

Wie alle ordentlichen Berliner*innen, wir, die Hausbewohner*innen, nörgeln und motzen, soviel wie wir einatmen können.

„Die Bruchbude bricht zusammen, die Schimmelkulturen sind gefährlicher als Corona und Syphilis zusammen, die Eingangstür geht schon wieder nicht zu oder nicht auf und natürlich macht die Hausverwaltung, diese Nichtsnutze nichts dagegen …“

Aber keiner von uns würde je ausziehen.

Eine Zeitlang waren die Mieten nicht mal besonders günstig, das Schlauchbad und sowieso der bescheuerte Wohnungsschnitt mit dem sogenannten Berliner Zimmer – übersetzt: ein großes dunkles schräges Zimmer zum Hof mit einem einzigen Eck-Fenster, trugen auch nicht zum Standortvorteil bei. Wenn wir aber aus dem Haus ausziehen würden, müssten wir uns anpassen und über unbekannte Begebenheiten meckern. Es wäre viel zu anstrengend und anscheinend hat das Haus doch einige Vorzüge. Heutzutage ist es zum Beispiel gut gelegen, zumindest seitdem die Hasenheide nicht mehr als Mörderpark gilt und das ehemalige Flugfeld des Flughafens Tempelhof das trockene Strandbad oder je nachdem das Skigebiet der Stadt wurde.

Oder liegt es daran, dass wir alle faule Loser sind, die es nicht hinkriegen, sich was Besseres zu suchen, und sowieso nichts Besseres bekämen?

Nicht, dass man mich missversteht, ich mag meine Nachbarn. Wir geben uns Mühe, miteinander klar zukommen und schaffen das sogar. Ich glaube die meisten fühlen sich auch einer Hausgemeinschaft zugehörend. Vom Erdgeschoss mit der brummeligen Frau Zimmermann, früher bei der Post tätig, über den ersten Stock mit dem uralten Missionar (ebenso grummelig) und in der Wohnung gegenüber der Dreigenerationshaushalt der Müller mit den Kindern, die nicht besonders gern ins Bett gehen, bis zu dem zweiten Stock links mit der WG, wo man nie weiß, warum einer der Mitbewohner immer wechselt (bestimmt wegen dem Berliner Zimmer) und dem Musiker Paar auf der anderen Seite, kennen sich alle und meckern unisono. Außer der fantastischen Frau Kazchak, die Glückliche, die fortwährend strahlt, als ob sie gar nicht hier wohnen würde.

Besonders diejenigen, die hier gelebt haben, als die letzte Hausverwaltung versucht hat, die Mieten zu erhöhen, spüren, dass Etwas sie verbindet: Eine unorganisierte Machtlosigkeit. Damals hatte Sonsoles, von der WG im dritten Stock rechts, also meine direkte Nachbarin, mit allen geredet und eine Hausversammlung organisiert. Aber nur die Miete von Sonsoles WG, ist nicht gestiegen. Die anderen haben sich nicht so gut gewehrt, hatten keinen so guten Rechtsanwalt oder hatten womöglich was anderes zu tun. Weiß ich nicht so genau. Ich weiß nur, was ich im Hausflur gehört habe, und dass ich den Termin zum Widerspruch der Mieterhöhung verpasst habe. So dachte ich, faktisch die Erhöhung abgelehnt zu haben, die Hausverwaltung hat es anders verstanden und dann wurde ich müde.

Ein kleiner Wegweiser:

Erdgeschoss Frau Zimmermann: war bei der Post
Erster Stock Links Herr Schwedeter: Uralter MissionarErster Stock Rechts Müller: Dreigenerationen Haushalt mit Kindern
Zweiter Stock Links Malik, Da Costa, Fischner: dreier WGZweiter Stock Rechts Anja und Gerhard Musikerpaar
Dritter Stock Links Ich
Dritter Stock Rechts Sonsoles, Martin und Philipp: ihre Miete wurde nicht erhöht.
Vierter Stock Links Frau und Herr HauptVierter Stock Rechts Frau (und Herr) Kazchak: sie lächelt immer

Aber eigentlich ist auch das Treppenhaus ein Zeichen dafür, dass es eine Übereinkunft im Haus gibt. Auf dem ersten Treppenabsatz wird seit eh und je gebrauchter Hausrat zum Verschenken angeboten. Es stört Niemanden, weil jeder weiß, dass es weggehen wird. Wobei seit jetzt gut einem Monat liegt die große braune Jacke dort. Aber es ist Coronawinter, man kann nachsichtig sein. Vor einigen Jahren hatte Gerhard, der Musiker vom zweiten Stockrechts, Marie Condo entdeckt. Ein Vorreiter also. Wochen für Wochen, thematisch geordnet, lagen da richtig gute Sachen. Er hat nicht nur ein Klavier, der Gerhard, er hat Geschmack und auch ein bisschen Geld. Es war eine Freude unauffällig zu schauen, ob was Neues abgestellt wurde, und Bingo! Schnell ein paar Lederschuhe, Porzellandosen oder Designer Kochlöffel in die Wohnung tragen.

Der Hinterhof vor allem ist das Bindeglied, quasi die Commons des Hauses. Es ist keine zubetonierte Fläche, die man möglichst schnell verlässt nachdem der Mülltonnendeckel auf die Müllsäcke zugeknallt wurde. Es ist eine erkämpfte Oase. Wir werden sogar ein bisschen für unseren Hof beneidet. Das Hinterhaus ist nämlich am Ende des Zweiten Weltkriegs abgebrannt, davon ist heute nur noch ein kleines Stück Backsteinmauer übrig, das von Rosen und Efeu bewachsen ist. Der Schutt vom abgebrannten Haus? Der ist in der Hasenheide gelandet, die immer noch Hasenheide und nicht Hasenhügel heißt. Ein paar gesunde Bäume, sogar ein Haselnussbaum wachsen in unserem Hof. Und es gibt auch einen langen Holztisch, Bierbänke, einen Grill und einen begnadeten Gärtner.
Man muss erwähnen, dass es vor zwanzig Jahren eine Ausschreibung vom Bezirk für die Begrünung von Wohnanlagen gab. Ich habe gehört, dass manche im Haus sich zusammen getan, Pläne entworfen hatten und ein bisschen Geld für die Gestaltung des Hofes bekamen. Am Anfang haben viele mitgemacht, dann nur noch wenige und schließlich hat es glücklicherweise Herr Schwedeter, der frühere Missionar, als seine Aufgabe betrachtet, ganzjährig bunte Blumen und grüne Büsche zu pflanzen und zu pflegen. Ich betrachte es als meine Aufgabe Freund*innen einzuladen und Grillpartys zu organisieren.

Die Straße selbst hat sich mehr verändert als unsere Hausgemeinschaft. Ich kann mich daran erinnern, als es hier nichts weiter als drei Eckkneipen, auch wenn sie nicht alle an der Ecke waren, und einen Trödelladen gab. Die Werkstatt der Kulturen – diejenigen, die die Idee des Karneval der Kulturen hatten – hatte noch nicht aufgemacht. Die Kirche der Adventisten des siebten Tages war schon da, später ist der „Sufi-Treffpunkt“ dazu gekommen. Jetzt sind die Sufis weg, sie waren dort ja nur zur Miete, an der Stelle ist eine Kunstgalerie – auch zur Miete – und es haben sich zwei Cafés, ein ich-weiß-nicht-was, und gefühlt 10 Kindergärten in der Straße angesiedelt.
Eines der Cafés, die „Alte Welt“ war früher der Biergarten die „Neue Welt“. Er war immer knalle voll. Und noch früher – um 1880 herum – dort wo jetzt ein geräumiger Parkplatz, ein nicht weniger geräumiger Bauhaus und einige Discounters sind, soll er, als Teil der noch größeren „Neue Welt“, schon existiert haben.
Die Neue Welt war einer der Erlebnisparks Berlins, ein Rummelpark, mit Karussells, einer Wasser-Rutschbahn, einem Marionettentheater und einer Wellenbahn. Das Große Klinkerbackstein-Gebäude der ehemaligen Werkstatt der Kulturen in unserer Straße war die Bierbrauerei, quasi der direkte Zulieferer, des Vergnügungsparks. Auf der Freizeitanlage war sogar ein Theatersaal für tausende Menschen, in dem Arbeitervereine, -parteien und Gewerkschaften Veranstaltungen organisierten. Selbst Anarchisten bereiteten sich dort auf eine andere Welt vor. Der französische Sozialist Jean Jaures, der der am Abend des ersten Weltkriegs ermordet wurde, soll dort eine Kundgebung gegen den Krieg abgehalten haben. Es wurde versprochen, nicht gegeneinander zu kämpfen. Bekanntermaßen kam keine neue Welt aber nicht die erhoffte.
Im Ersten Weltkrieg diente der Theatersaal als Lazarett, und danach sollen sich dort auch Nazis getroffen haben. Im vereinigten Berlin ist die Neue Welt ein Spektakel. Übrig geblieben ist ein Konzertsaal ein bisschen verdeckt von einer Spielhalle und das Café, die neue Neue Welt, ist nun die Alte Welt. Passend zur Kundschaft, nicht wegen ihres Alters, sondern weil sich dort ab und zu Erdogans Anhänger*innen treffen sollen.

Unsere Straße, obwohl sie am Naherholungsgebiet der Stadt mit direktem Zugang zur Neue Welt war, hatte wenig mit Vergnügung und viel mit Herrschaft zu tun. Nach dem Kolonialkrieg 1890 in Ostafrika wurde sie mit allen Ehren nach einem gewissen Herrmann von Wissmann genannt, damals für seine kunstvolle militärische Niederschlagung des Aufstandes der dortigen Bevölkerung durch Massenexekutionen und Plünderungen bekannt.

Aber die Gegend verändert sich mehr als unsere Hausgemeinschaft und es stehen weitere Veränderungen bevor. Bald wohnen wir nicht mehr in der Wissmannstr.
Nein, wir werden nicht umziehen! Wir müssen gar nichts tun. Wir müssen uns nur merken, dass wir in der Lucy-Lameck-Straße wohnen. Ich kann mir schon vorstellen, dass es für uns, die Alten, ein bisschen kompliziert wird, wenn wir aus der U-Bahn aussteigen, aus Gewohnheit den richtigen Ausgang nehmen und gleich vor dem Lucy-Lameck-Straßenschild stehen. Da werden bestimmt ein paar von uns denken, dass sie an der falschen Haltestelle ausgestiegen sind und sofort zurück nach Rudow fahren. Oder Stundenlang durch die Stadt irren. Und übrigens vor kurzem habe ich von Gerhard gehört, dass seine Pizza nicht geliefert werden konnte, weil die Wissmannstr. nicht mehr in Google-Map existiert.

Also wir werden umbenannt. Nicht wir, die Straße. Schon lange, seit fünfzehn Jahren um genauer zu sein, ist es hin und wieder Thema. Ich werde euch die mühsame Geschichte ersparen, auf jeden Fall finden schon lange Einwohnerversammlungen und Treffen der Bezirksverordnetenversammlung zum Umbenennungsverfahren statt (die zwei mühsamen Begriffe konnte ich hier nicht aussparen). Und so flatterten in unsere Briefkästen Briefe der CDU, die uns vor der eminenten Gefahr warnten und neuerdings auch Flyer der AFD, die uns aufklärten, dass a.) Von Wissmann ein Afrika-Forscher war, b.) das Anwohnervolk die hohen Kosten der Umbenennung tragen wird, wenn zum Beispiel Briefköpfe geändert werden müssen.

Im Haus waren wir auch nicht einer Meinung zur Umbenennung. Drei Namen standen nämlich zur Auswahl nachdem etliche Vorschläge eingereicht wurden. Ich wollte nicht in der Lucy-Lameck-Straße wohnen, obwohl Lucy Lameck die erste Frau mit Ministerposten in Tanzania war. Ich hätte lieber in der Fasia-Jansen-Straße gewohnt. Fasia war nämlich die Tochter eines Liberianischen Diplomats und einem deutschen „Zimmermädchen“, sie war sehr jung Zwangsarbeiterin in Neuengamme gewesen und nach dem Krieg Liedermacherin und Friedensaktivistin geworden. Die WG von Sonsoles war für Nduna Mkomanile, eine Herrscherin, die sich an dem Maji-Maji Aufstand in Ost-Afrika beteiligt hatte. Die WG wollte aber einfach nicht auf meine Argumente hören! Frau Zimmermann war das egal, solange Wissmann von der Bildfläche verschwände, sie möge sowieso nicht diese Straße, sagte sie und Frau Kazchak war auch für Mkomanile. Letztendlich haben wir alle verloren. Na ja, über Treppenhausgespräche hinaus haben wir uns nicht wirklich eingesetzt und so haben wir die schmerzhafte Niederlage schnell verarbeitet. Nicht alle.

Dieses Mal war kein blauer Hochglanz AFD Flyer in unseren Briefkästen, sondern ein selbst getipptes schwarz-weiß Blatt von der Zivilen Allianz e. V. und den Studenten für den Rechtsstaat. Sie wollten uns vernetzen, damit wir uns untereinander die Kosten einer Klage gegen die Umbenennung teilen können. Die großzügigen Unterzeichner*innen: Sven und Beatrix Von Storch. Direkt in den Papierkorb. Nein, ich nehme wieder den Flyer und überlege, was ich damit machen könnte. Schließlich, schreib ich in darauf: „Falls nicht klar: AFD = Menschenverächter“ und hänge den Zettel neben den Briefkästen auf. Ich gestehe, ich habe schon schönere Schriftstücke verfasst aber es ging nicht um die Kunst. Ein paar Stunden später, als ich von meinem Coronaspaziergang zurückkomme, ist der Zettel weg. Er ist nicht nur weg, er ist abgerissen worden und seine Reste hängen traurig in der Luft. Empörung. Noch nie sind meine schriftlichen Mitteilungen abgerissen worden. Auf jeden Fall nicht als ich zum Straßenfest eingeladen habe. Als ich Sonsoles davon berichte, kommen wir schnell zur Frage: wer mag es gewesen sein?
Wir sind doch eine so nette Hausgemeinschaft! Und so gehen wir die Stockwerke in Gedanken durch. „Zimmermann und Kazchak kann es nicht sein, die WG im zweiten auch nicht, das Musikerpaar Anja und Gerhard, hatten sich immer für die Umbenennung ausgesprochen. Herr Schwedeter? Nicht sein Stil. Missionar ist kein ruhmreicher Beruf aber er interessiert sich nur für den Garten. Es bleiben nur noch die Müller und die Haupts. Es können nur die Haupts sein! Ja wohl. Schon damals haben sie sich nicht an der Hausversammlung wegen der Mieterhöhung beteiligt und als die WG von Sonsoles eine große Party organisiert hat – einesehr schöne Party, ich war dort – haben sie die Polizei gerufen. Solche Leute könnten Affinitäten zur AFD haben. Aber die kennen wir nicht. Der beste Weg: wir sprechen alle Nachbarn an und schauen auf ihre Reaktionen.“ Haben wir nicht gemacht. Vermutlich war kurz darauf die Haustür kaputt und wir hatten was zu meckern. Und was dann? Wir ziehen eh nicht aus und werden den Täter auch nicht raus-ekeln.

Es wird aber nicht das Ende der Geschichte sein. Die Straßenschilder sind noch nicht ausgewechselt. Und in letzter Zeit landen Flyer vom „Dritten Weg“ in die Briefkästen, wo unter anderem der Linksextremismus unseres SPD Bürgermeisters und die Umbenennung der Wissmannstr. ermahnt werden. Sofort darauf wurden Zetteln aufgehängt, die erklären was man im Fall von Nazi-Propaganda machen kann. Es geht um mehr als um Sitten hier, es ging und geht oft um Deutungshoheit, Herrschaft und aufbegehren und es wird noch weitere nachbarschaftliche Auseinandersetzungen geben.


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