Wie ich Silvester verschlief

Aus dem Jahr 2019

Das Jahr das nie nach Europa kommen sollte kam. Und ich habe es verschlafen. Zumindest Silvester.

Dezember 2019 war in Frankreich Streik des öffentlichen Diensts. Es war nicht deren Jahr gewesen und sie störten sich nicht daran es mit ihrem Missfallen und Forderungen zu beenden.

Ich hatte zu Weihnachten ein Bahnticket nach Südfrankreich gekauft und da ich solidarisch war, dachte ich das mich ausfallenden Zügen nicht betreffen würden. Tatsächlich gelangte ich – nach einer zwei tägigen Zugreise und einer Übernachtung in Lyon – am Ziel.

Nach den ganzen Weihnachtsgelagen, wurde langsam klar, dass ich wegen dem andauernden Streik nie rechtzeitig für Silvester in Berlin zurückkommen würde – und man möchte wirklich nicht außerhalb Berlins Silvester verbringen, Ich brach meinen Urlaub ab und fing an hektisch nach alternativen Routen zu suchen. Nach drei Tagen Recherchen und Anfragen machte ich mich schließlich mit einer Mitfahrgelegenheit von Montélimar nach Lyon und mit einer anderen von Lyon aus auf den Weg nach Paris.

Wir kamen in der Nacht am Rande von Paris intra muros an, wo ich an einer der wenigen Bushaltestelle, die noch im Betrieb war, abgesetzt wurde.
Dort habe ich gefasst auf dem Bus eines Streikbrechers gewartet und bin dann im Schritttempo, dicht an dicht mit hundert weiteren schweigsamen verspannten Passagieren, durch Paris by Night gefahren worden. Habe dann bei einem Bekannten, den ich nur einmal begegnet war, übernachtet und bin besonders früh aufgestanden um sicher zu sein, dass vier Stunden ausreichen um das Flughafen zu erreichen. Der Hund meines Gastgebers hatte die Anspannung des Jahresendes nicht verkraftet und vor meinem Aufbruch die Küche voll gekackt.

Am Bahnhof warteten aberhunderte von Menschen vor den Treppen, die zu den S-Bahngleisen führen, schweigsam und starr vor sich hin blickend. Ich wartete mit ihnen bis dann eine abgezählte Menge zugelassen wurde und ein voller Zug sich in Gang setzte. Stille, ein Schrei in der Ferne, weitere Stille.

Eine Fahrt in einem autonom fahrenden Zug ohne lästigem Fahrer später, durfte ich ein paar Stunden in der weiß leuchtenden Flughafenhalle warten.
Aktion! Schnell noch hektisch ein paar Freunde anschreiben, dass ich zu Silvester in Berlin bin! Es gibt eine große Party bei Mina und Amin hat von einer Party in einem verlassenen Hochhaus gehört, Peter ist eh nicht in Berlin, und die Dingsbums WG macht wie jedes Jahr eine Küchenparty. Ein paar Freund*innen sollen bei mir zum Vortrinken kommen und dann ziehen wir los!

Plötzlich müde.

In Berlin am Flughafen Tegel noch einen Bus nach Hause nehmen. Jetzt bin ich mir sicher: ich bin krank.

Zu Hause lege ich mich sofort hin. Nein, es ist noch nicht der Moment wo ich Silvester verschlafe. Während ich im Bett schlafe, bereitet mein Freund ein paar Snacks für die Gäste. Ich bin krank aber es ist scheißegal, morgen ist Neujahrsanfang.

Die paar Freund*innen trödeln ein. Es ist alles so 2019: wir sind alle in der kleinen Küche, knabbern und trinken, rauchen (nicht die Kranke) und lachen. Bald ist es Mitternacht und ich bin vollkommen betrunken. Es macht nichts, weil ich ja krank bin.

Und es macht nichts, weil ich nicht in die Kälte gehen werde, zu einer Party, die sowieso hätte besser sein können und zu der nächsten, die auch nicht besser gewesen wäre.

So verabschiede ich mich von meinen Freund*innen und lege mich schlafen. Und es ist einfach so, dass ich Silvester 2019 verschlafen habe, ohne zu wissen, dass uns das seltsamste und das langweiligste Jahr unseres Lebens erwarten sollte. Das erste Covid-Jahr.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert