Mensch sagt, dass man sich im Corona-Winter einrichtet. Neben der Arbeit kann man Kuchenbacken, neue Serien entdecken, Familien-skype-abende gestalten, an Zoom-Sportstunden teilnehmen, sich auf einer Datingseite anmelden, eine Sprache auf der Duolingo App lernen, den Keller entrümpeln, Online-Feierabendbiere trinken, Kochsendungen anschauen, und wie ich, Wohnungsanzeigen lesen.
Mit den ganzen Leuten, die zumindest für eine gewisse Zeit Berlin verlassen, gibt es viele Zimmer zur Zwischenmiete. Das Angebot gleicht aber nicht die Nachfrage aus, denn Viele suchen dringend eine Bleibe, sei es weil der Eigentümer Eingenbedarf angemeldet hat oder weil ihre Zwischenmiete ausläuft. Aber die richtigen dauerhaften Mietanzeigen gibt es auch: die Lofts mit Bodentiefefenster, Terrasse zum Wasser, brandneuer Einbauküche und funkenden Badezimmerarmaturen, zu zweitausend Euro Miete.
Und so zwischen drei Anzeigen für sechs Wochen Untermiete in einem 12-Quadratmeter-Zimmer und 10 Anzeigen für 35-Quadratmeter-Studios zu 900 Euros in den Außenbezirken, habe ich eine E-Mail von einer Zehner-WG in Kreuzberg entdeckt, die eine/n Mitbewoher*in in meinem Alter sucht. Um das Altersgleichgewicht in der Wohngemeinschaft zu halten. Zusatz, dort wird auf die Coronagefahr geachtet und es gibt regelmäßige Plena. Also was für Altberliner*innen. Man muss sich auf den Spruch am Ende des Anzeigetexts beziehen, damit sie wissen, ob man die ganze E-Mail gelesen hat. Also legen sie Wert darauf, dass man das WG-Alphabet kennt. A. wie Autonomie, Z. wie Zusammenleben.
Neugierig melde ich mich. Wenn ich nicht unter den erst ausgewählten gehöre ist es egal, ich habe eh den ganzen Winter Zeit. Ich schreibe ein bisschen was zu mir: Cis-Geschlecht, Alter, Zustand meines Gebisses, Hobbies (Wohnungsanzeigen lesen und darüber schreiben), WG-Erfahrung und was was mich dazu bewegt mich gerade auf diese Anzeige zu bewerben. Als Dauer-WG-Bewohnerin, habe ich einige E-Mails von WG-Zimmer-Interessent*innen begutachten dürfen und diese Literaturgattung ist mir durchaus bekannt. Noch ein paar Zeilen darüber was ich mag und woran ich mich in einer WG beteiligen würde (unter Zwang fast alles) und ich werde tatsächlich zum Online-Dating eingeladen.
Ein Online-Casting kann man leicht zwischen dem Ausprobieren eines neuen Rezepts und eines Telefonats mit der Mutter schieben.
In den Kästchen der Onlineplattform sind um die 6 Menschen, die sich Einzeln vorstellen und die Begebenheiten des Hauses beschreiben. Wo steht denn dieses Haus? Denn abgesehen von der S. 62 kann ich mir kein Hausprojekt in Kreuzberg vorstellen, das sich über mehrere halbwegs grüne Hinterhöfe ausstreckt, und einen Gemeinschaftsraum sowie eine Werkstatt hat.
Die Leute in den Kästchen sind angenehm. Sie sind ruhig und versuchen nicht dazustellen, dass sie hyper Cool oder selbst-reflektiert sind. Links oben sind zwei, die älter sind als ich, in der Mitte ein Junge im Rollstuhl und ein paar nicht Deutschmuttlersprachler*innen und rechts unten eine, die ihren Kästchen mit Rauchwolken ausfüllt.
Ich erzähle über mich während und vor Corona und ich gehe meinen Kuchen essen. Meine Mutter -oder war es meine Schwester? – rufe ich nicht mehr an.
Die Kästchenmenschen hatten gesagt, dass ich mich noch mal melden könnte, falls ich noch Fragen hätte. Und in der Tat, nachdem ich die geheime Information erhalten hatte, dass diese WG sich in der S. 62 befindet, hatte ich eine Frage.
„Könnte es sein, dass das Haus in den nächsten Jahren verkauft wird? „
Ich interessiere mich nämlich für Eigentümerwechsel und dem Mapping des Vermögens von Immobilienkonzern in Berlin. Vor allem, wenn ein Haus verkauft wird, in dem seit über vierzig Jahren ok Mietverhältnisse existieren, Generationen von Wohngemeinschaften ihr Zusammenleben gestaltet und überlebt haben und einen Raum für alle offen halten. Dann werden bei dem Eigentümerwechsel wohl keine besseren Wohnbedingungen angeboten.
Bei der Nachfrage, erklärt eine aus der WG, dass man tatsächlich nicht wisse wie das werden würde, da der derzeitige Eigentümer schon vor ein paar Jahren verkaufen wollte. Er hatte sich aber gegen ein Kaufangebot der Hausgemeinschaft gewehrt. Das sei ein Besetzungsversuch durch die Hintertür, meinte er! Besetzer*innen lassen sich heutzutage alles einfallen und wollen gar Eigentümer werden!
Die WG-Bewohner*innen möchten mich aber sehr gerne zum Kennenlernen in der Wohnung einladen. Die Nachricht gibt mir genug Selbstbewusstsein um einer meiner derzeitigen Mitbewohner zu sagen, dass es mir richtig auf den Senkel geht, dass es nie das Bad putzen würde.
An einem dieser dunklen Dezembernachmittage, mache ich mich also zum Kottbussertor nach Kreuzberg zur S. 62. Vor dem Eingangstor unten hört mich Niemand klingeln. Ich warte in der stillen Straße bis Jemanden reinkommt den ich folgen kann. Fünf Minuten später kann ich tatsächlich durch das große Tor. Im Hinterhof sieht es gar nicht so aus, wie ich es in der Erinnerung habe und ich gehe wieder nach draußen um zu verifizieren, ob ich an der richtigen Hausnummer bin. Aber klar, bin ich, alles andere wäre seltsam. Ich gehe wieder rein und erinnere mich, dass das Haus zwei Hinterhöfe hat. Ich erreiche das Hinter-Hinterhof, gehe schnurstracks auf den Eingang zu, entweiche eine Bewohnerin, die mich begrüßt und gehe hoch bis zum fünften Stock. Da auch antwortet mich Niemanden. Ich gucke, ob die Tür gegenüber auch auf eine WG hindeutet und ob ich wirklich im fünften Stock bin, klingle nochmal und Jemanden den ich noch nie gesehen habe, macht mir auf.
Ich werde durch einen langen breiten Flur in den Wohnzimmer gelotst, riesig, so groß, dass es nicht möglich ist ihn mit dem Blick zu erfassen. Ich begrüße die Anwesenden, manche erinnern mich an die Kästchen der Onlineplattform, und erzähle, dass ich unten ein bisschen gewartet habe. Die freundlichen Menschen erzählen, dass sie nicht immer die klingel hören, bis sie mir zu verstehen geben, dass sie den Klingelton vor zwei Stunden erwartet hatten. Oh! Es tut mir leid, was machen wir jetzt?
Es ist für sie blöd, weil sie ein ausgeklügeltes Schichtsystem haben, bei dem dreier Gruppen mit dem Besucher*in in unterschiedlichen Räumen sind. Irgendwie schaffen sie es die Gruppen so rotieren zu lassen, dass ich nicht mit einem der anderen Bewerber*innen sein muss und wir gehen zunächst in den Gesamtgemeinschaftsraum im Vorderhaus. Alles hier ist so vertraut. Ich frage mich, ob ich schon bei einer Veranstaltung auf genau dieses Sofa gesessen bin. Wir reden ein bisschen über das Haus und die WG Organisation. Zusammen essen, wenn man es möchte, für alle einkaufen, ankündigen, wenn man lange baden möchte, sitzen und reden, wenn man sitzen und reden möchte… Danach habe ich einen Termin ins WG-Wohnzimmers. Ich setze mich in der samtblau-Sofaecke und diskutiere mit dem dortigen Team über den Umgang bei Meinungsverschiedenheiten und Streits. Ein Thema womit ich mich gut auskenne! Dann gehe ich in die Tischlerwerkstatt und hier reden wir über die Welt außerhalb des Hauses: die Lohnarbeit. Derjenige, der aufgrund seiner körperlicher Behinderung Assistent*innen hat, ist dabei einen Tarifvertrag für sie auszuhandeln. Die Welt aus dem Kopf. Er als Arbeitgeber, muss seine Arbeitnehmer*innen mobilisieren, damit sie in der Tarifkommission mitmachen.
Alles in allem, sind alle richtig nett.
Abends projiziere ich mich in die nächsten Monaten und merke, dass es ganz OK ist Zeit zu haben auch wenn man nichts sinnvolles aus dieser Zeit macht und vor allem, wenn man nichts richtig anstrengendes machen muss, wie z.B. umzuziehen. Fairerweise schreibe ich der zeitlosen WG aus der S.62, dass ich derzeit nicht wüsste, was ich wolle. Es sei meines Umgangs mit den unbegrenzten Möglichkeiten des Coronawinters geschuldet und dass ich mich aber, mit deren Einverständnis, auf das nächste frei werdende Zimmer bewerben würde.
Und schon kommen zwei E-mails, dass es sehr schade sei, dass sie sich einstimmig darauf gefreut hätten mit mir zu wohnen und dass ich mich im Coronasommer auf ein Zimmer erneut vorstellen könne.
Es ist schon selten im Leben, außer im Lebensmitteldiscounter, dass man mehr Möglichkeiten hat, als man auswählen kann. Mit diesem Gefühl sprach ich mit einem Freund ein paar Tage später. Frank meinte, dass ich nach meinen Beweggründen für meine Tiefenanalyse von WG-Anzeigen suchen sollte aber auch, dass eine seiner Mitbewohnerinnen gehört hatte, dass die S. 62 verkauft wurde.
„Verkauft? Nicht so viel ich weiß. Der Eigentümer hat ein Kaufangebot abgelehnt. Ich war dort vor einer Woche und da war das Haus nicht verkauft. Man wird doch nicht ein Haus kaum eine Woche vor Weihnachten verkaufen?“
„Doch, das macht man“. Seine Mitbewohnerin soll Leute kennen, die das wissen, aber wirklich wisse er das auch nicht.
Es schien so enorm zu sein. Ich sollte über eine Information verfügen, die die Bewohner*innen nicht haben?
Da hatte ich nochmal der WG was zu fragen und in der Tat nach ein paar Tagen kam die Antwort, dass die Hausgemeinschaft gerade vom Kauf in Kenntnis gesetzt wurde. Zum Glück hätten sie die Feiertage um die Nachricht zu verarbeiten.
Marta und Danny, Jane und Ahmed, Anna und Annika, Bernd und all die anderen, Rob aus dem Flüchtlingsverein, Beate aus der Kiezgruppe, Marcel von den Demo-Sanitätern und diejenigen, die seit zwanzig Jahren dort leben und die, die den Gemeinschaftsraum nutzen. Alle. Sind in diesem Zwischenzustand in dem man nicht weiß wie es weiter geht. Und wie es weiter gehen soll, steht bereits fest.
Ich bin jetzt wie viele andere eine von denen und Niemand wird es leicht haben die verwinkelten Wohnungen und dem Streben nach selbstbestimmten Leben in mini-appartments für mini-Leben umzuwandeln.
Und übrigens wenn diese Geschichte veröffentlicht wird, werde ich im zweiten Hinterhof sitzen oder tanzen. Je nach dem.
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