Tag Archives: Corona

Wie ich Silvester verschlief

Aus dem Jahr 2019

Das Jahr das nie nach Europa kommen sollte kam. Und ich habe es verschlafen. Zumindest Silvester.

Dezember 2019 war in Frankreich Streik des öffentlichen Diensts. Es war nicht deren Jahr gewesen und sie störten sich nicht daran es mit ihrem Missfallen und Forderungen zu beenden.

Ich hatte zu Weihnachten ein Bahnticket nach Südfrankreich gekauft und da ich solidarisch war, dachte ich das mich ausfallenden Zügen nicht betreffen würden. Tatsächlich gelangte ich – nach einer zwei tägigen Zugreise und einer Übernachtung in Lyon – am Ziel.

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Noch eins weniger

Aus dem Jahr 2020

Mensch sagt, dass man sich im Corona-Winter einrichtet. Neben der Arbeit kann man Kuchenbacken, neue Serien entdecken, Familien-skype-abende gestalten, an Zoom-Sportstunden teilnehmen, sich auf einer Datingseite anmelden, eine Sprache auf der Duolingo App lernen, den Keller entrümpeln, Online-Feierabendbiere trinken, Kochsendungen anschauen, und wie ich, Wohnungsanzeigen lesen.

Mit den ganzen Leuten, die zumindest für eine gewisse Zeit Berlin verlassen, gibt es viele Zimmer zur Zwischenmiete. Das Angebot gleicht aber nicht die Nachfrage aus, denn Viele suchen dringend eine Bleibe, sei es weil der Eigentümer Eingenbedarf angemeldet hat oder weil ihre Zwischenmiete ausläuft. Aber die richtigen dauerhaften Mietanzeigen gibt es auch: die Lofts mit Bodentiefefenster, Terrasse zum Wasser, brandneuer Einbauküche und funkenden Badezimmerarmaturen, zu zweitausend Euro Miete.

Und so zwischen drei Anzeigen für sechs Wochen Untermiete in einem 12-Quadratmeter-Zimmer und 10 Anzeigen für 35-Quadratmeter-Studios zu 900 Euros in den Außenbezirken, habe ich eine E-Mail von einer Zehner-WG in Kreuzberg entdeckt, die eine/n Mitbewoher*in in meinem Alter sucht. Um das Altersgleichgewicht in der Wohngemeinschaft zu halten. Zusatz, dort wird auf die Coronagefahr geachtet und es gibt regelmäßige Plena. Also was für Altberliner*innen. Man muss sich auf den Spruch am Ende des Anzeigetexts beziehen, damit sie wissen, ob man die ganze E-Mail gelesen hat. Also legen sie Wert darauf, dass man das WG-Alphabet kennt. A. wie Autonomie, Z. wie Zusammenleben.

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Psychologie einer Großstadt

Aus dem Jahr 2020

In der Psychologie, zumindest in derjenigen die für Laien nachvollziehbar ist, wird gerne mit Phasen gearbeitet. Dabei geht es oft darum sich an einer schockartigen Situation zu gewöhnen und anzupassen. So zum Beispiel die Sterbephasen von Elisabeth Kübler-Ross, „Nicht-Wahrhaben-wollen“, „Zorn“, etc. bis zur Zustimmungsphase. Oder die Phasen des Kulturschocks von Kalervo Oberg die von „alles super prima„ über „alles total bescheuert“ zu „es geht doch“ gehen. Es gibt auch die Phasen, die wir alle durchlaufen bevor wir produktive Mitglieder des alltäglichen Wahns werden, wie Freud sie uns lustvoll nahegebracht hat: die orale Phase, die narzisstische Phase, die anale Phase, die phallische Phase oder für diejenigen, die wissen, dass es auch Vaginas gibt, die genitale Phase, usw.

Bei Freud geht es auch darum einen Schock zu verarbeiten, nämlich den Schock der Geburt. Ein Prozess das uns Lebenslang in Anspruch nimmt, bis wir nichts mehr verarbeiten müssen.

Das Phasensystem ist leicht verständlich und kann auf alles möglich angewandt werden. Auf die Lebensabschnitte oder -phasen von Individuen, als auf ganze Gesellschaften, sowie auf gesellschaftliche Errungenschaften – Kunst, Wissenschaft, Organisationen – und auch für klinische Studien, für Mediationen und Meditationen, für Wirtschaftskrisen, für Fasten und für die Weimarer Republik.

Städtisches Leben durchläuft auch Phasen und so auch Berlin seit der Schockstarre des ersten Corona bedingten Lockdowns im Frühling 2020.

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