Alice im Spinnennetz
Alice im Netzimperium
Aus dem Jahr 2021
Als ich über unsere kleine virtuelle Realität, unseren Alltag, schreiben wollte, musste ich feststellen, dass ich nicht ohne drei Überschriften auskommen würde.
Drei Überschriften, deren Hauptprotagonistin Alice ist. Alice ist ein sehr schöner Name; Für eine Überschrift ist es wichtig. Vor allem hat sich Alice im Wunderland verirrt.
Eigentlich kenne ich die Geschichte von Alice im Wunderland nicht gut, und verstanden habe ich sie auch nicht. Ich glaube, ihr wird ein Buch vorgelesen und dann ist sie im Wunderland. Dort passieren ihr seltsame Dinge, sie sieht komische Gestalten, fühlt sich angezogen und all diese kuriosen Begegnungen, die Geschichten, die sie hört, sind echt, auch wenn sie in einem Wunderland geschehen.
Es macht auch nichts, ob Lewis Caroll wirklich Sowas geschrieben hat, denn sie ist meine Alice.
Oder noch besser: ich bin Alice.
Sind wir nicht alle ein bisschen Alice?
Es ist Freitagabend und ich sitze beim Abendessen mit meiner Mitbewohnerin Tina. Wie jeden Abend reden wir über unseren Tag. Die Wörter kommen langsam, denn wir müssen unsere Gedanken sammeln, überlegen, worüber wir zu erzählen haben. Wir haben Bilder vor Augen, die wir nicht einfangen können, Farben, Geräusche.
Tina fängt an. „Die Aerosolforscher haben einen offenen Brief geschrieben. Zum Glück! Es stimmt doch, dass man sich draußen nicht mit Covid infizieren kann und dass dieses ganze Gerede um eine Ausgangssperre Blödsinn ist! Wir hätten früher auf sie hören sollen“.
Tina ist nicht mit Aerosolforscher*innen befreundet. Ich wusste bis heute nicht, dass es Aerosolforscher*innen gibt. Aber ich habe auch heute die Schlagzeile gesehen: „Verband der Aerosolforscher schreibt der Regierung. Treffen in Parks unbedenklich, sagen Aerosolforscher“.
„Sie haben neue Erkenntnisse über die Ansteckungsrisiken, man kann sich nur in Innenräumen infizieren; Ich hoffe, dass der offenen Brief endlich was bewirkt!“ sage ich.
Und es sind Aerosolforscher*innen, denke ich, sie wissen wovon sie reden. Ich weiß immer noch nicht, was so ein*e Forscher*in genau erforscht.
Ich esse einen Löffel Suppe. Ich überlege. Was habe ich heute gemacht? Ich sehe Gesichter vor meinen Augen flitzen. Umrisse aus Videokonferenzen.
Ich weiß!
Nathalie hat ein Foto gepostet von der Aussicht aus der Wohnung, in der sie über das Wochenende bleibt. Man sieht einen breiten Grünstreifen, Bäume, den Weißgrauen Himmel und eine Reihe Hochhäuser. Sie schreibt, dass es aber trotzdem viel Verkehrslärm gibt. Ich habe die Kommentare verfolgt, die ihr Foto begleiteten. Die Wohnung unter ihr hat einen riesigen Balkon, die Wohnungen oben sind kleiner. Ich habe schnell geschrieben „so viel zu Gleichstellung in der Platte“ und hab sogar ein paar Likes dafür bekommen. Dann kam ein Kommentar, das sich auf mich bezog, dass ich nicht gleich den Osten diskreditieren solle, mit Verweis auf einen Artikel über das DDR Bauwesen im Vergleich zum kapitalistischen Westen. Es folgten den ganzen Nachmittag weitere Kommentare pro oder gegen. Ich frage mich immer noch, wo die Wohnung liegt.
Tina weiß auch nicht, wo sie ist. Tina ist jetzt in Myanmar, die Bilder sind halt krass, diese jungen Leute, die Sit-ins gegen die Militärdiktatur organisieren und die Panzer, die auf sie zu rollen. Und diese Krankenpflegerin, die eine Impfdosis zerbrochen hat, die hat sie mit einer Salzlösung ersetzt. Sie wird jetzt angeklagt und es sei schlimm, dass sie nicht einfach sagen konnte, dass sie unvorsichtig war. Hinzu kommt, dass 30 % der Bevölkerung sich nicht impfen lassen wird, was unsere Chance auf eine „Herdenimmuninät“ in weite Ferne rückt. Zum Beispiel die „Russlanddeutschen“, wollen sich nicht impfen lassen.
Da wach ich auf! Ich habe die Überschrift aus dem Tagesspiegel-Online erkannt und versuche ganz ruhig zu sagen, dass wir vorsichtig sein sollten, wenn wir durch Nachrichtenmeldungen brausen und, dass Sündenböcke ein beliebter Trigger sind. Tina grummelt vor sich hin, sie erinnert sich vermutlich gerade daran, dass sie sonst nicht die Russlanddeutsche sagt, weil es auf das komische Blutrecht verweist, ein bisschen abfällig klingt und seltsamerweise nicht alle, die mal als Deutsch galten, um das 18. Jhd. herum nach Russland emigriert sind und später nach Deutschland eingewandert sind, das gleiche denken.
Später am Abend entspanne ich mit FaceBook und lese ein Interview mit dem Präsident der Aerosolforscher. Ich komme nicht bis zum Ende des Interviews, weil einen Link im Artikel mich zu einer Breaking News über die Pharmaindustrie führt. Das mit den explosiven Aussagen des Aerosolforschers war jedoch nicht so bahnbrechend, vor allem leider nicht neu: Fazit man kann sich draußen infizieren, jedoch nicht so viel wie drinnen.
In einer Nachrichtensendung auf Youtube sagt eine Nachrichtensprecherin, dass wir stolz sind auf die Deutsche Pharmaindustrie, dass aber andere Länder mehr Covid-Impfstoff haben als wir, und ich sehe, dass es ein neues Video unter meinen Youtube Abo gibt. Ich habe ein DIY Kanal abonniert und heute lerne ich, wie ich alte Möbel verschönern kann. Eine Holzkommode bekommt vintage Knöpfe und die Holzrisse werden mit einer Holzspachtelmasse gefüllt. Es geht blitzschnell und die Kommode lacht mich jetzt an mit ihrer glatten Oberfläche und den bunten Schubladenknöpfe. Auf Amazon finde ich Holzpaste in Tube und in Töpfen. Graue und weiße runde Keramikknöpfe, handgemalt, reihen sich ein, sie bilden die erste Reihe der Keramikknöpfearmee. Nach ihnen kommen die blau-weißen Knöpfe mit kreisförmigen Mustern, sie defilieren in ordentlichen klirrenden Reihen. Das Gros der Truppen bilden die mehrfarbigen flachen Knöpfe, chaotische Einzelstücke und doch alle so ähnlich, nicht grimmig wie die Frontliner, jedoch sehr dezidiert. Die Masse macht unendliche wellenartige Bewegungen, ein paar Nachzügler rollen vorbei und schon kommen die mehrfarbigen Baumdesign handgemachten Knöpfe. Diese sind die vintage Designelite. Sie sind groß und rund, posieren im Abendlicht, bevor sie weiter marschieren. Sie werden von den einfachen Schwarzweißen Knöpfen mit geographischen Mustern umrandet und gefolgt, bis Peter Pan zwischen zwei Wolken erscheint. Er zerschneidet die Luft, sein Dolch nach unten gerichtet, und Klack! Der große Schwarze Knopf in der Mitte wankt, seine silberne Metallschraube rollt zur Seite und wird von den unzähligen weitermarschierenden Knöpfen zertrampelt. In der Ferne blinkt eine Überschrift „Artz bekommt 3.000 Euro pro Corona-Tote“.
Am Ende wacht Alice auf aber ich glaube nicht, dass sie die Welt verstehen wollte. Ich würde sie gerne verstehen, habe aber noch nicht den Eingang gefunden.
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