Author Archives: Luce Dubois

Entkommen

Aus dem Jahr 2019

Gestern fahre ich zurück nach Hause, oder eher zu meinem Freund, denn ich habe zurzeit kein Zuhause. Ich fahre kurz und ganz langsam auf dem Bürgersteig denn ich bin ängstlich und ich möchte nicht von den Autos überfahren werden.

„BÜRGERSTEIG!“ schreit mir ein Fußgänger erregt. Somit meint er, mache ich was streng verboten, möchte Fußgänger töten, aber vor allem benehme mich bestimmt auf verfassungswidrige Weise.

Abends bei Nachteinbruch laufe ich mit meinem Freund auf der leeren Straße. Hinter uns klingelt ein Fahrrad. Es klingelt Sturm.

„STRAAAAßE!“ schreit eine richtig verärgerte Kehle ohne Spur von Ironie.

Heute meint mein Freund, er hätte es satt, dass ich ihm Vorwürfe mache, obwohl er alles richtig machen würde. Ich entgegne ihm, dass ich es satt hätte alles richtig zu machen, obwohl er mir Vorwürfe machen würde.

Wenn ich die Rechthaber satt habe, gehe ich zum Omid.

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Donkey Rides rettet die Welt

Berlin erster Mai 2019. Dieses Jahr findet das zweite Mal eine Demo in Grunewald statt.

Das Programm des Tages: vormittags DGB-Demo, nachmittags um 13 h Jugendwiderstand in Neukölln und „My Gruni“ S-Bahnhof Grunewald, Abends 18 h unangemeldete Demo in Friedrichshain.

Es ist denke ich das erste Mal, dass eine revolutionäre erste Mai Demo in Friedrichshain stattfindet. Nichtsdestotrotz sind die letzten revolutionären Demos so langweilig gewesen, dass ich wenig Lust habe hinzugehen. Zehn Kilometer im Marschschritt sind nichts für mich, außerdem war letztes Jahr die Grunewalddemo sehr nett. Sekt trinken beim Laufen, gute Technomusik, ganz viel politische Sticker kleben, gute Plakate über Privateigentum und ironische Forderungen, die die alltägliche Rhetorik über „Sozialschwache“ auf reiche Randbezirke ummünzt.
Sehr nett war außerdem der Mangel an Polizist*innen. Dieses Jahr waren mehr von ihnen angekündigt und gleich in dem S-Bahntunnel wurden Leute in Empfang genommen und wegen dem Besitz von Eddings und dergleichen gefährlichen Waffen angehalten. Die Polizeiwarnungen im Vorfeld zeigen Wirkung, wir und unsere Mitdemonstrant*innen gehören eh nicht zu militanten Gruppen, und die Bullerei kann ihr Geschäft unbeanstandet abwickeln.

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Bouletten sind kleine Hackfleischklöße

Aus dem Jahr 2019

Bouletten sind kleine Hackfleischklöße. So werden sie im Nordosten genannt, also auch in Berlin. Bullen sind nicht nur Tiere, die „Muh“ machen und ohne Grund losrennen, meist werden Polizisten damit gemeint und eigentlich werden sie öfter Bullen als Polizisten bezeichnet. Wer die Menschen, die vom Staat bezahlt werden, um für Ordnung zu sorgen, Eigentum oder die Verfassung zu schützen, als Polizisten bezeichnet, muss es wirklich wollen. Tatsächlich kommt es nicht selten vor, dass in Zusammenhängen, in denen man weiß, dass das Wort „Bulle“ vielleicht nicht gesagt werden sollte, man kurz überlegt: „Wie sagt man schon?“, „Polizist?“, „Wird es nicht komisch klingen?“.
Und dann heißt auf Französisch Boulette zwar der Fleischkloß aber auch ein Fauxpas, sprich ein Patzer.
Damit ist schon fast alles über das Thema gesagt. Fast alles, denn es ist kaum möglich über Bullenpatzer zu erzählen, ohne die Gefahr, die von ihnen ausgeht, zu erwähnen.

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Umgangsformen in Konfliktsituationen

Aus dem Jahr 2019

Berlin ist ruppig. Zum Beispiel, gestern Nacht im Café Poznan. Das Café Poznan ist übrigens eine kitschige Kneipe auf der Karl-Marx-Allee, die schon bevor das Wort Hipster auf den europäischen Kontinent gelandet ist, aus unerklärlichen Gründen von coolen Leuten besucht wurde.
Ich saß also mit Freund*innen im Café Poznan oder genau genommen vor dem Café Poznan als die Wirtin, eine große schreiend raus kommt. „Was macht ihr hier, ihr dürft nicht da sein, es ist verboten, verboooten!!!“ Wir sitzen auf einer Baum-Umrandung vor dem Tisch, an dem weitere Freundinnen trinken.

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Haie an der Bucht

Aus dem Jahr 2019

Samstag in Juli am frühen Abend. Wolken am Himmel, Regen in der Luft.
Eigentlich wollten wir an den See zum Schwimmen; nun ist es die perfekte Gelegenheit zur Rummelsburgerbucht zu fahren. Wir wollen nicht an der Bucht schwimmen – manche behaupten es sei möglich – sondern zu einer Soliparty. Für Neuköllner ist die Rummelsburgerbucht eine ferne Insel, die man selten bereist und deren Sitten wir nicht kennen.

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Eine Solotänzerin auf dem Asphalt

Aus dem Jahr 2019

In der Stadt bewege ich mich grundsätzlich mit dem Fahrrad. Ein altmodisches Analogmodel, wo man ordentlich auf die Pedale drücken muss. Mein Fahrrad hat hinten einen Korb, um Einkäufe betätigen zu können, aber vorne eine gelbe Blume am Lenker, damit ich es in der Menge der parkenden Fahrräder wieder finden kann. Es ist sehr nützlich, wirklich. Stellt euch vor, ihr habt gerade euren Fahrrad vor dem Supermarkt geparkt, da wo noch Platz war, im Supermarkt habt ihr vierzig Minuten verbracht, weil ihr den Essig gesucht habt, auf der Suche ganz viele Sonderangebote bewundert habt, und an der Kasse jemand ein Smartguthaben zurückgeben wollte, weil es nicht so smart war, aber Zurückgeben ging nicht. Ihr kommt aus dem Supermarkt und steht vor einem Meer schwarzer Fahrräder bis zum Horizont. Würdet ihr noch wissen, wo genau euer Gefährt steht? Ich brauche nur einen Blick nach rechts und nach links und schon sehe ich die gelbe Blume in der Menge leuchten.

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